FES / JournalistenAkademie / SommerAkademie
Bildnachweis copyright Agentur Pellens

Unsere Aktivitäten 2016

Kalendarische Übersicht

zur Übersicht

Keynote

Politischer Journalismus in Zeiten von Wahlen und Wirtschaftskrise

Von Tom Schimmeck

Liebe Sommerakademiker!
Ich darf hier eine Keynote halten zum Thema "Politischer Journalismus in Zeiten von Wahlen und Wirtschaftskrise". Ich könnte es mir leicht machen, einen Blick in die Blätter dieser Woche werfen und fragen: Welche Wahlen? Könnte ein bisschen weiterblättern und fragen: Welche Krise? Vielleicht die Horst-Schlämmer-Krise? Die Dienstwagen-Krise? Das wirft gleich ein erstes kleines Schlaglicht auf den Zustand des politischen Journalismus. Ich habe beim deutschen Google Newsdienst gestern den Test gemacht: 12.713 Treffer für "Ulla Schmidt". Für "Hypo Real Estate" dagegen nur 5.523. In Fall A geht es darum, wie viele hundert Euro eine Ministerin für die private Nutzung ihres Dienstwagens im Spanien-Urlaub zahlt. Fall B ist einer der packendsten Wirtschaftskrimis der letzten Jahre, mit Garantiesummen von mittlerweile über 100 Milliarden Euro, mit enormen Weiterungen für die internationale Finanzarchitektur, mit interessanten Akteuren wie Angela Merkel, Peer Steinbrück, sowie Dr. Josef Ackermann und einer Vielzahl weiterer potenter Boni-Empfänger.

Tom SchimmeckDoch so ein riesig fetter Bankenskandal ist leider furchtbar kompliziert. Die Dienstwagen-Nummer dagegen – herrlich überschaubar, richtig greifbar: Eine Ministerin, ein Mercedes. Einmal Spanien. Kennt jeder. Sagt jeder: Boah, die Politiker schon wieder. Allet Raffkes. wa? Das Erregungspotential zählt. Es steigert den Absatz. Für "Bild" und viele andere Blätter ist dies entscheidend. zumal, wenn es eine von der SPD erwischt. Fürs Privat-TV ebenfalls. Selbst im laufenden Programm der Öffentlich-rechtlichen können Sie in 1:30, einer Minute – oder wie viele Millisekunden auch immer die Programmverantwortlichen dem Hörer noch zumuten mögen – kein HRE-Desaster erklären. Ullas Mercedes aber können Sie da immer noch ganz locker parken.

1. These: Auch der politische Journalismus tickt inzwischen nach Erregungszyklen, die wir früher nur aus dem Showgeschäft und der Yellow Press kannten: Ein Gesicht, kombiniert mit einem möglichst simplen "Aufreger". Das kann gesteuert sein von interessierten Kreisen, manchmal läuft so eine Sau auch von ganz alleine im Zickzack durch mediale Dorf. So lange, bis sie tot zusammenbricht. Oder eine noch fettere auftaucht.

Sie können sich so einen kleinen "Aufreger" übrigens auch selber basteln. Zum Beispiel durch eine Umfrage. Der Stern, Großkunde beim Institut Forsa, ließ soeben das Volk fragen, ob es sich vorstellen könnte, eine Comedy-Figur wie Horst-Schlämmer zu wählen. Das angeblich 18 Prozent der Befragten fröhlich antworteten, dass könnten sie sich schon eventuell vielleicht einmal vorstellen, gab es jede Menge Schlagzeilen. Die erste Welle wurde vom Stern selbst generiert - denn der will ja schließlich für sein Produkt werben, und muss nebenbei auch die Rechnung von Herrn Güllner wieder reinbekommen. Besonders schön die "Bild”-Schlagzeile: "Horst Schlämmer fast so stark wie die SPD!" Interessanter war die zweite Welle: Staatstragende Kommentatoren räsonierten ob der albernen Schlämmerei über den düsteren Zustand der Politik und die gar trüben Aussichten für das Abendland als solches. Der bekannte Journalistendarsteller Hajo Sch. schrieb dem Politikerdarsteller Horst Sch. in der "Berliner Mopo" gar einen offenen Brief, den er auch gleich noch auf N24 zweitverwertete: "Lieber Horst Schlämmer... Sie sind eine Zecke am Allerwertesten der Demokratie." Hier paart sich der Blödsinn mit der Wichtighuberei. Ein Duo, dem wir im Politjournalismus immer öfter begegnen. Besonders häufig in der Berliner Republik.

Treten wir ein paar Meter und Jahre zurück. Ein kleine Klarstellung vorweg. Im Programm steht: Tom Schimmeck, Publizist, taz-Begründer. Das klingt verdammt viel bedeutender, als es ist. Wir waren damals bei der Gründung der "taz" bestimmt so an die 200 Leute in Deutschland. Und ich war unter diesen einer der Jüngsten und einer der Ahnungslosesten – süße 18 Jahre alt.

Andererseits war es die tollste Ausbildung überhaupt.

Weil wir unsere Zeitung komplett selber erfinden mussten. Die Zeiten dafür waren gut. Die irren 70er waren am Abklingen, aber es war noch genug Schwung da, etwas großes, ganz Verrücktes zu machen. Es gab keinen einzigen Marketingfuzzi, der Charts an die Wand warf. Powerpoint war auch noch nicht erfunden. Leider gab es auch keinen Mäzen. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir suchten uns Büros und strichen sie selber und beschafften uns alte Büromöbel, geschenkt natürlich. Und dann saßen wir da an unseren zerschrammten ollen Schreibtischen und mussten eine Zeitung füllen. Durften eine Zeitung füllen. In Hamburg, wo ich anfing, hatten wir vorher noch ein halbes Jahr darüber gestritten, ob wir vielleicht einen zweiten Telefonanschluss bräuchten. Die Fundamentalisten unter uns fanden, dass zwei Leitungen irgendwie etabliert, profimäßig, bürgerlich und also ziemlich verdächtig seien. Aber wir Spießer haben die Schlacht gewonnen. Und bald hatten wir noch viel mehr Leitungen.

Ich will hier nicht einen auf "Der rote Großvater erzählt" machen. Ich erzähle ihnen davon, weil die taz gerade 30 geworden ist und also schon älter ist als fast alle Teilnehmer hier. Und weil ihnen das eine Ahnung davon geben mag, wie stark sich politischer Journalismus in den 30 Jahren, in den ich ihn zu betreiben versuche, verändert hat.

Damals, Ende der 70er, war Helmut Schmidt Bundeskanzler. Das war nicht dieser knuffige, kettenrauchende, unterhaltsame alte Grantler, den Sie aus Presse, Funk und Fernsehen kennen. Nur Kette rauchte er damals schon. Der Schmidt im Kanzleramt war ein agiler, harter, ziemlich autoritärer Knochen, der das Land recht ordentlich managte, gegenüber vielen neuen politischen Aufgaben aber derart vernagelt schien, dass Sozialdemokraten sich zuweilen fragten, ob der Mann wirklich SPD-Mitglied ist. Atom-Schmidt verschlief zum Beispiel konsequent alles, was im weitesten Sinne mit Ökologie zu tun hatte. Weshalb die Grünen mächtig aufblühten und die Sozis bis heute an die 10 Prozent kosten. Es ist in dem Kontext interessant, dass dem nächsten SPD-Kanzler Gerhard Schröder ähnliches mit seiner Agenda 2010 gelang. Auch er half – unfreiwillig – beim Aufbau einer Konkurrenzpartei, die die Sozis jetzt notorisch weitere 10 Prozent kostet. Ich denke, allzu lange sollte die SPD diese Kanzlertradition nicht mehr fortsetzen.

Zurück in mein schönes graues Pleistozän. Wir waren gegen ziemlich viel. Und die Medien waren uns ganz besonders suspekt. Wir hatten gerade die aufgehetzte Zeit des RAF-Terrorismus erlebt, geprägt von viel Hysterie und sogenannten "Nachrichtensperren". Wir fanden, dass ständig die falschen Fragen gestellt würden. Dass die Bonner Hofberichterstatter viel zu artig seien. Im Wirtschaftsteil stand sowieso nicht die Wahrheit. Und die Auslandsberichterstattung schien uns besonders fragwürdig. Kurzum. Die ganze Mediensuppe war uns zu dünn und zu fad. Uns fehlte der Kontext, der Hintergrund, das große Ganze. Und wir waren selbstherrlich und verrückt genug zu sagen: Das können wir besser.

Ich hatte damals, kurz bevor Helmut Kohls sechzehn sedierenden Jahre begannen, in denen die meisten von Ihnen Laufen und Sprechen lernten, die Chance, als politischer Korrespondent für die taz nach Bonn zu gehen. Genauer gesagt: Wir haben‘s einfach gemacht. Es gab nämlich in der taz eine starke Fraktion, die fand, dass man sich als links-alternatives Wesen gar nicht in diese Welt begeben dürfe. Weil man schon durch den physischen Kontakt mit bürgerlicher Politik Gefahr liefe, sozusagen geistig kontaminiert zu werden. Die hielten den Bundestag für Firlefanz und wollten davon in unseren kleinen feinen Zeitung gar nichts lesen. Aber irgendwann hatten wir einen Mehrheitsbeschluss und gingen zu Dritt nach Bonn, strichen wieder ein Büro, besorgten wieder Schreibtische und legten los. Kurz darauf kamen die Grünen in den Bundestag. Es gab jeden Tag intensive Debatten, ab und zu skurrile Affären. Und mir wurde klar, dass die vielen Medien hier eine ziemliche Bandbreite von Ansichten bespielten. Natürlich gab es auch damals jene, denen die Distanz fehlte, die der Partei ihrer Präferenz verlässlich und vorhersagbar nach dem Munde schrieben. Aber es gab auch eine Menge Leute, die sich wirklich reinhängten, die sehr genau hinguckten und recherchierten und auch die Feinheiten verstanden. Rückblickend würde ich sagen: Presse, Rundfunk und Fernsehen waren damals viel kontroverser, spannender, politischer als sie es heute sind. Es gab tatsächlich eine Menge Journalisten, die sich wirklich engagiert und kritisch mit den Themen und Figuren auseinandersetzen.

Ok, früher war alles viel besser? Das ist natürlich Quatsch.

Heute gibt es andere tolle Möglichkeiten. Heute kann theoretisch jeder seine Zeitung oder seinen Sender gründen. Sie brauchen ja keine riesigen Druckereien mehr, keine Lastwagenflotten, die täglich tonnenschwere Papierberge durchs Land kutschieren. Auch keine millionenteure Technik – keine Superstudios, keine Sendemasten. Sie brauchen nur Ihren Laptop und ein bisschen Zusatzequipment und die Flatrate beim Provider. Und los geht‘s. Das Problem ist nur. Wie damit Geld verdienen?

Ich kapiere diese ganzen aufgepeitschten Debatten um das Internet nicht. Die einen verklären es, die anderen verteufeln es. Das Internet ist ein neues, faszinierendes Medium. Es verbreitet weltweit und nahezu in Echtzeit alles, was man ihm anvertraut: Texte, Töne, Bilder; Doktorarbeiten, Liebeserklärungen, brisante Enthüllungen und fiese Propaganda. Es macht keinen Unterschied zwischen nobelpreisverdächtigen Erkenntnissen und Kinderpornos. Der für mich entscheidende Punkt: Das Internet macht den Journalismus nicht überflüssig. Im Gegenteil: Die journalistische Sichtung, Aufbereitung und Wertung ist im Internet-Zeitalter notwendiger – und aufwändiger! - denn je. Weil die Fülle verfügbarer Informationen enorm gestiegen ist und weiter steigt und steigt.

Der problematische Effekt des Internet besteht darin, dass es am Geschäftsmodell der klassischen Medienhäuser nagt. Die aktuelle Krise - das ist These 2 - verschärft nur diese Tendenz, treibt das rohe Wirken der Marktkräfte in den Medien auf die Spitze. Das Problem ist, dass Zeitungshäuser, vor allem in den angelsächsischen Ländern, jahrelang als heißer Investment-Tip galten. Mit Banken, Blättern und Spielcasinos ließ sich richtig Geld machen. In den USA wurden Zeitungen zu Börsenobjekten. Und die Manager dachten vor allem an die Shareholder: Nieder mit den Kosten, hoch die Rendite. Leider sind es die Redakteure, Rechercheure, Reporter, Korrespondenten, die "kosten". Den Fonds, die Anteile an den Medienhäusern gekauft hatten, waren die Inhalte aber komplett schnuppe. Wer in ihren Augen zu teuer war, flog raus. Was kostspielig schien, wurde gestrichen, dicht gemacht, abgeschafft. Die Zeitungen, Sie ahnen es, wurden dadurch nicht besser. Ich glaube sogar, dass ein wichtiger Grund, warum die einst so stolze vierte Gewalt der USA in den frühen Bush-Jahren derart versagt hat, zu Kreuze gekrochen ist, in der fortschreitenden Schwächung ihrer Ressourcen lag. Die Blätter sind dünner und schlechter geworden.

Der Economist berichtete neulich, in Großbritannien hätten von Anfang 2008 bis Mitte 2009 etwa 80 Lokalzeitungen dichtgemacht. Zeitungen, die noch vor gar nicht langer Zeit enorme Renditen abgeworfen hatten, bis zu 30%. Aber dann, das kennen wir auch aus Deutschland, brachen die Auto-, Haus- und Stellenanzeigen weg. Und der schöne Gewinn war dahin. In einem solchen Moment vergeht den renditebesoffenen Verschlankern ruckzuck die Lust am Verlegerdasein. Denn es geht ihnen ja nicht um tollte Texte, um Demokratie, Kultur, Kritik, Bildung und lebendigen Austausch. Nicht mal um Unterhaltung. Es geht ums Geld. Und wenn die Zeitungen nicht genug davon einspielen, produzieren sie eben Kloschüsseln. Darum wächst jetzt die Zahl der Orte, in denen keine Zeitung mehr erscheint, die Journalisten beschäftigt, die das Leben an diesem Ort beobachten. Das hat dramatische Folgen für die politische Debatte, für das öffentliche Leben überhaupt.

Auch in Deutschland - These 3 - dienen die Absatzschwierigkeiten und die Anzeigenprobleme der Verlage und Sender seit Jahren als Vorwand, Journalismus auszudünnen. Gerade auch bei den Qualitätszeitungen. Die Roland Bergers und McKinseys haben in den letzten Jahren auch viele Redaktionen dieser Republik heimgesucht. Neulich sah ich eine Doku über die FAZ. Da guckte der gestresste Nachrichtenchef durch sein Büro. Vorher waren wir 14 Leute hier, sagte er, jetzt sind wir noch acht. Die Süddeutsche hat, trotz guter Auflage, schon die xte Entlassungswelle hinter sich. Für die arbeite ich gelegentlich. aber eigentlich kann ich mir das kaum mehr erlauben. Seit Jahren wird dort gekürzt und gekürzt. Die Folgen? Ein persönliches Beispiel: Im Frühjahr habe ich dort einen Artikel geschrieben, für den ein bisschen Recherche nötig war, auch eine kleine Reise. Und weil der Artikel ganz gut saß, gab es auch ein bisschen Ärger hinterher. Man wollte mir allerlei Fehler nachweisen und da muss man dann Punkt für Punkt ran um das zu entkräften. Das hat alles Spaß gemacht. Aber es war wohl in Summe eine gute Woche Arbeit. Und was gab‘s dafür? 200 Euro.

Das ist noch nicht da untere Ende. Im letzten Herbst haben freie Journalisten in Berlin aus purer Not einen Verband gegründet: Freischreiber. Ihnen allen steht das Wasser mindestens bis zum Hals. Die Honorare werden immer schlechter. Der Gürtel ist so eng geschnallt, dass viele kaum noch Luft kriegen. Die Zeilenhonorare, die regionale Zeitungen zahlen, liegen zum Teil schon unter 20 Cent.

Die Autorenverträge, die man inzwischen unterschreiben muss, werden dafür immer länger. "Total Buyout heißt das in der Fachsprache. Die Verlage sichern sich damit alle Rechte: Offline, Online, Vertonung, Verfilmung, Verkauf in die weite Welt. Ich hatte neulich wieder einen vor der Nase, der ging über vier Seiten. Da habe ich spontan zurückgemailt, sie hätten die Musicalrechte für Nordkorea vergessen. Aber Humor haben die auch nicht.

These 4: Die Verleger müssen sich endlich wieder ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Emsig pochen die Verlage auf ihre vermeintlichen Rechte. Und haben es zum Beispiel mit Hilfe der lieben Ministerpräsidenten vollbracht, die Online-Angebote des Rundfunks drastisch zu reduzieren – um sich dort selbst besser und profitabler entfalten zu können. Trotzdem sehen sich viele nicht in der Pflicht, die Voraussetzungen für anständigen Journalismus zu schaffen. Wir brauchen viel mehr Verleger, die sagen: Ja, wir machen unser Geschäft zur Mehrung unseres Vermögen, aber eben auch für die Demokratie. Wir brauchen eine breit informierte Öffentlichkeit. Also sorgen wir für einen Journalismus. der eine Chance hat, Sachverhalte wirklich zu durchdringen, genau hinzugucken und so viel wie irgend möglich herausfinden über den Lauf der Dinge in unserem Land und in der Welt. Wer selbst in schlechten Zeiten gute Gewinne machen will, ist einfach gierig. Und sollte sich vielleicht besser auf Kloschüsseln konzentrieren.

Man könnte zugespitzt sagen: Leider entfällt kritische Öffentlichkeit demnächst aus Kostengründen. Unsere Demokratie hat kein Kapital mehr für solchen Luxus. Irgendwann laden wir nur noch Klingeltöne herunter. Ich bekomme in letzter Zeit immer das Seminarangebot des VDZ, des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger, wo unentwegt von Synergie und Marketing die Rede ist. Der Journalist soll bald alles nonstop erledigen: Print und Online, und bitte schnell noch einen Sound, eine Bilderstrecke und ein Video dazu. Der Traumjournalist der Verleger ist das crossmediale Superäffchen. Sie kennen diese Figuren: Mundharmonika im Maul, Trommel auf dem Rücken, Ziehharmonika an den Händen, Schellen an den Füssen.

"Es besteht wie noch nie seit 1945 die akute Gefahr", sagt Heribert Prantl, Politikchef der Süddeutschen, "dass der deutsche Journalismus verflacht und verdummt, weil der Renditedruck steigt; weil an die Stelle von sach- und fachkundigen, nicht von Interessengruppen bezahlten Journalisten immer öfter von Produktionsassistenten für Multimedia gesetzt werden, wieselflinke Generalisten, die von allem wenig und von nichts richtig etwas verstehen. Aus dem Beruf, der heute Journalist heißt, wird dann ein multifunktionaler Verfüller von Zeitungs- und Webseiten."

Weg von der Ökonomie, zurück zu den Politjournalisten höchstselbst. Ich schreibe gerade ein Buch über Macht und Meinungsmache. Das sollte längst fertig sein. Der Lektor wartet schon. Stattdessen stehe ich hier und keynote. Ich hoffe, er erfährt das nicht.

In dem Buch geht es viel um Spin. Um die stetig wachsende Branche der professionellen Meinungsfrisöre. Ich versuche da unter anderem zu beschreiben, wie in Berlin-Mitte allmählich eine Art polit-medialer Parallelgesellschaft entsteht. Es wimmelt dort inzwischen von PR-Päpsten, Werbegurus, Unternehmensberatern, Kommunikationsstrategen, Eventmanagern und Imagemachern. Ich nenne sie Macht-Dienstleister. Weil sie auf Seiten der politischen und wirtschaftlichen Macht arbeiten, um deren "Message" maximale Schlagkraft zu geben. Sie bewachen den Zugang zu Informationen. Sie setzen Personen und Interessen in Szene. Sie machen Meinung – mit "Agendasetting", "Dialogmarketing" und "Politainment". Sie designen die Darsteller, drechseln ihnen passende Sätze, planen minutiös, was wann in die Welt gesetzt wird und wer wie wirken soll.

Was mich zu These 5 führt: Die professionelle Meinungsmache gewinnt über den unabhängigen politischen Journalismus beständig an Macht.

Es gibt da einen direkten Zusammenhang mit dem vorher besprochenen. Die meisten Journalisten haben nämlich keine Zeit mehr, genau hinzugucken und zu prüfen. Weil notorisch zu wenig Leute in der Redaktion sitzen, weil der Berliner Korrespondent drei Artikel pro Tag schreiben muss, weil die Reisekosten immer mehr gedrückt werden, weil die Honorare für die Freien so mies sind, dass sie nur noch schnell irgendwas hinschreiben. Manchmal auch, weil phantasielose Chefredakteure genau das wollen, was alle anderen auch schon machen. Und so steigt das Gros der zunehmend gehetzten Berichterstatter zu Kellnern ab. Sie servieren dem Publikum nur noch die appetitlicher angerichteten Info-Häppchen, die die PR-Köche zubereitet haben.

Mir ist bei meinen Wanderungen durch Berlin-Mitte und der intensiven Lektüre noch etwas anderes aufgefallen: Es gibt im Zentrum des Trubels und Wirbels, der dort gerne veranstaltet wird, eine verblüffende Leere, eine Sprachlosigkeit gegenüber dem politischen Prozess. Mich packt bei der Lektüre der politischen Tagesberichte und Kommentare oft eine jähe Übellaunigkeit. Und ich weiß inzwischen, warum. Weil oft so viel geredet und dabei so sagenhaft wenig gesagt wird. Ich habe mich etwa in den imposanten Saal der Bundespressekonferenz gesetzt und versucht, mir einen Reim auf die Rituale dort zu machen. Und greife mir als Fallbeispiel jetzt mal einen Auftritt unserer Bundeskanzlerin heraus, der schon etwas länger zurückliegt. Und zitiere mich selbst, aus dem noch sehr rohen Buchmanuskript...

Zwischenbemerkung von Carla Schulte-Reckert:
Zum Schutze der Urheberrechte von Tom Schimmeck und seinem noch nicht erschienenen Buch, aus dem er freundlicherweise für Anwesende einen kleinen Ausschnitt zitierte hier der Hinweis:

Das Buch "Am besten nichts Neues" von Tom Schimmeck
erscheint Anfang 2010 bei Westend/Piper

Fortsetzung der Rede:

These 6: Die Entpolitisierung der Betrachtung entwertet den politischen Journalismus. Es fehlt eine Sprache, die zu mehr taugt als zur mittelprächtigen Theaterkritik. Eine Sprache, die einen größeren Kontext herzustellen vermag, die eingebettet ist in eine Vorstellung einer anzustrebenden Gesellschaft. Es fehlt der größere Bezugsrahmen. Man könnte auch sagen: die Vision. "Wir reden jede kleine Frage groß und jede große Frage zerlegen wir in kleine Münze" - hat die Politjournalistin Tissy Bruns mal gesagt. Wobei es kluge Köpfe gibt, die behaupten: Das ist nicht nur das Problem der Journalisten, das ist vor allem auch das Problem vieler Parteien. Die Sozialdemokraten etwa hätten "sich selbst deartikuliert", meint Franz Walter, der regelmäßig an der SPD verzweifelt, weil er selbst ein Sozi ist. Walter ist einer der wenigen Politologen in Deutschland, der ihnen im Interview deutlich mehr sagt als das Offensichtliche. Sie kennen ja diese Fernsehprofessoren, die im Studio live und brandheiß politische Erkenntnisse verkünden, die ihnen vorgestern schon selbst gekommen sind. Walter hat den traurigen Satz gesagt: "Eine eigene sozialdemokratische Sprache und Vorstellung existiert nicht mehr."

Ich will mal die Frage offen lassen, ob die Friedrich Ebert Stiftung jetzt der ideale Ort ist, ihn damit zu zitieren.

These 7: Wir haben es mit einer kolossalen Vereinheitlichung von politischer Meinung zu tun. Ich habe mich bei meinen Recherchen auch intensiv mit einem anderen Thema beschäftigt, dass mich fasziniert und erschüttert hat. Den Niedergang der Andrea Ypsilanti im Jahr 2008. Ich habe dazu hunderte Berichte, Meldungen, Interviews und Portraits gelesen. Und ich darf ihnen sagen: Ein solches Maß an Gleichschaltung habe ich noch nie erlebt. Mit einer Sprache hart am Rande des Psychiatrischen.

Sie wirke "wie die Anführerin einer durchgeknallten Sekte", schrieb der Stern, "umgeben von merkwürdigen Männern". Die Zeit diagnostizierte "Selbstsuggestion" und sah eine "Linkswelle, die derzeit Deutschland überspült". Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bezeichnete Ypsilanti als "autistisch", auch die FAZ benutzte das Adjektiv mehrfach. Der Tagesspiegel fuhr unablässig anonyme Zeugen auf, die sie als "kaltschnäuzig, unsozial und berechnend" klassifizierten. Ihr stehe "das Kainsmal der Lüge auf die Stirn geschrieben", wetterte die Welt. "Mit ihr kehrt eine Form der Lüge in die Politik ein, die in ihrer schlichten Dialektik den Rahmen jedweder Verständigung sprengt", fand die FAZ. Bild schnitt "Lügilanti" die Beine ab, wickelte "Tricksilanti" eine Schlange um den Hals. Klaus Bölling, einst Regierungssprecher Helmut Schmidts, beweint in der Süddeutschen jene Genossen, "die irgendwie von Andrea Ypsilanti verhext zu sein scheinen". Fast alle Medien waren mit von der Partie.

Als Andrea Ypsilanti später zum Mainzer Mediendisput eingeladen wurde, einer selbstkritischen Runde, zu der alljährlich hunderte Journalisten nach Mainz kommen und von ihren Erfahrungen mit dem erdrückenden Mainstream in den Redaktionen sprach, bekam sie viel Beifall. Sie erzählte mir später: Sie habe sich in dem Moment gefragt: "Was machen die alle? Gehen die jetzt raus und machen weiter?" Genau das geschah. Spiegel online meldete sogleich: "Ypsilanti schmollt im Mainzer Wohlfühlexil."

Ich freunde mich immer mehr an mit dem Gedanken, dass wir uns auf eine Art "Postdemokratie" zubewegen. Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch bezeichnet ein Gemeinwesen als Postdemokratie, "in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden [...], in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben". Die Medien, sagt Crouch, die dies doch eigentlich aufdecken sollten, befänden sich in einer Art Duldungsstarre. Und würden so zu Mitwirkenden der Ent-Demokratisierung. Viele Medien , so Crouch, seien heute "Teil des kommerziellen Sektors”, also Unterhaltungsindustrie. Und bekanntloich in den Händen von Oligarchen wie Berlusconi oder Murdoch.

In diesen Kontext passt These 8, die eigentlich längst ein Gemeinplatz ist: Der Siegeszug des Boulevards greift auch auf die politische Berichterstattung über. Boulevard ist nicht nur Bild und Privat-TV. Gucken Sie mal die Öffentlich-rechtlichen: Das ZDF bietet täglich "Hallo Deutschland". In der ARD läuft "Brisant". Auch täglich, und über die Dritten etwa zehn mal täglich wiederholt. Da geht es um den neuesten Amoklauf und den letzten Dachstuhlbrand. Und um viiiele bunte Promis. Diese Woche: Madonna. Und Michael Jackons Leibarzt, der sein Schweigen bricht. Und: "Victoria Beckham hüllenlos: Für Armani bedecken nur noch BH und Slip die dreifache Mutter." Adel und Königshäuser gibt es natürlich auch. Die großen Politmagazine dagegen senden nur etwa einmal im Monat. Beim großen Dauermatch Aufklärung versus Verblödung steht es in deutschen Medien notorisch 1:100.

Apropos Adel. In der FR stand gestern über Karl-Theodor zu Guttenberg Folgendes zu lesen: "Lebhafter Beifall schallt dem Politaufsteiger entgegen, wo immer er bei Wahlveranstaltungen auftritt. "Ich will ihn anfassen", kreischen junge Frauen und drängen sich um den Mann mit der gegelten Frisur, der längst den Status eines Popstars innehat. Glitter, Glamour, keine Affären - zweimal schaffte es das Ehepaar zu Guttenberg in den vergangenen Wochen auf die Titelseiten des Magazins Bunte. Gala und andere zogen nach."

So wird man im Nu zum beliebtesten Politiker Deutschlands.

Politjournalismus lebt heute oft von einer sehr gefühligen Pseudo-Nähe. Politik wird immer stärker personifiziert. Nicht nur die Bildmedien brauchen das. Auch die seriösen Zeitungen sind längst dazu übergegangen, alle politische Fragen und Konflikte auf Gesichter zu kleben. Wobei es dann selten noch um den inhaltlichen Kern einer politischen Debatte geht, sondern um die Performance des Protagonisten, um die Frage, wer wann wo wie aufgetreten ist, wer wen angelächelt, angebrüllt oder vors Schienbein getreten hat.

Und der Berichterstatter lebt von der Freude, dabeigewesen zu sein und daraus schönes Stroh gedroschen zu haben. Und hernach in Insiderkreisen von wichtigen Leuten, tonangebenden Politiker und deutungsmächtigen sogenannten "Alphajournalisten" ein Augenzwinkern, ein Schulterklopfen, ein beifälliges Raunen oder einen freundlich mahnenden Zeigefinger zu ernten, irgendein Signal, dass ihnen zeigt, wie sehr sie doch dazugehören zum Kreis der Eingeweihten. Nach dem Motto: Lasst uns zusammen wichtig tun.

These 9: Politischer Journalismus strebt zunehmend nach dem Mitmischen, dem Dabeisein. Will selbst Politik machen. Sie erleben das bei manchen dieser Top-Journalisten, die fortwährend im TV talken. Einige wirken schon so, als könnten sie es kaum mehr fassen, warum sie nicht selbst längst Kanzler sind.

Wir haben ein ökonomisches Problem. Und ein Strukturproblem. Die Balance kippt. Mietmäuler müllen uns zu. Die PR-Leute, deren Manöver sie durchschauen sollen, sind gut betucht und bestens vernetzt. Sie arbeiten mit Events und Rankings, mit "Medienpartnerschaften", Preisen und Lectures. Gewiss haben die Industriellen das Recht, mit ihrem Geld nicht nur für ihre Schrauben, Windeln, Kekse und Computer zu werben, sondern auch für die Gesinnung, die ihnen am besten passen würde. Natürlich dürfen sie Lobbyarbeit machen ohne Ende. Sie dürfen sich sogar Politiker mieten, die mitsingen in ihrem Chor.

Aber Sie haben nicht das Recht, denen auf den Leim zu gehen, das alles für bare Münze zu nehmen, deren Sprüche nachzuplappern, deren Bilder einfach nachzumalen. Sich mit diesem Kram gemein zu machen. Journalisten, die sich damit bescheiden, Interessen-PR wiederzukäuen, degradieren sich zu Kofferträgern anderer Mächte. Leider wird der Prozess der Verflachung eben dadurch verschärft, dass Journalisten unter den Arbeitsbedingungen der Krise oft keinen Raum zum Denken mehr haben. So greift alles ineinander.

Nicht alles ist Schuld der PR oder der rechenschiebernden Verleger. Oft mangelt es auch am eigenen Elan. Noch immer wird der schlechte alte "Abhak-Journalismus" betrieben. Als richtig junger Bursche beim NDR erlebte ich einst, wie der Chefredakteur jeden Morgen mit einem Mäppchen auf die Konferenz kam, voller "PK-Termine". Und die große journalistische Frage war stets: Wer geht zu welcher Pressekonferenz? Ein paar Tönchen einsammeln? Anstatt zu fragen: Was sind unsere Themen? Meinetwegen auch: Was wollen die auf dieser PK transportieren? Was ist der größere Kontext? Ohne eine eigene Fragestellung darf man eigentlich nicht losgehen.

Ich werde jetzt mal kurz moralisch und sage: Wer kein Ideal hat, taugt nicht als Journalist. Wir haben nämlich schon zu viele Zyniker an Bord. Und warne Sie: Journalismus ist ein verdammt merkwürdiges Gewerbe. Machen sie sich auf viel gefasst. Wer nicht gerade in der Abteilung Schischi-Ballaballa mittun will, riskiert Genickbruch zum Mindestlohn. Sie werden auf Ressortleiter treffen, die nie etwas bewegen wollten außer ihren Sportwagen. Deren stärkste Empfindung die Langeweile ist. Sie sind cool. Das heißt: Unberührbar. Gute Journalisten hingegen müssen offen sein, neugierig, irritierbar, verletzbar. Sonst kriegen sie nämlich nichts mit.

Was mich zu meine letzten These führt, Nummer 10: Sie werden das alles besser machen. Gerhard Schröder würde jetzt noch hinzusetzen: "Gar keine Frage!"

Zum Schluss ein Zitat, dass Ihnen zeigen wird, dass uns einige der eben angesprochenen Probleme schon etwas länger drücken:

"Es ist durchaus keine Kleinigkeit, in den Salons der Mächtigen der Erde auf scheinbar gleichem Fuß, und oft allgemein umschmeichelt, weil gefürchtet, zu verkehren und dabei zu wissen, dass, wenn man kaum aus der Tür ist, der Hausherr sich vielleicht wegen seines Verkehrs mit den »Pressebengeln« bei seinen Gästen besonders rechtfertigen muss, – wie es erst recht keine Kleinigkeit ist, über alles und jedes, was der »Markt« gerade verlangt, über alle denkbaren Probleme des Lebens, sich prompt und dabei überzeugend äußern zu sollen, ohne nicht nur der absoluten Verflachung, sondern vor allem der Würdelosigkeit der Selbstentblößung und ihren unerbittlichen Folgen zu verfallen."

Das stammt von Max Weber, aus dem Jahr 1919.

Vielen Dank.

zur Übersicht

 

Aktualisierung: Marion Fiedler FES | 2011-2016
zurück Seitenanfang