
Harte Wirtschaftsthemen als Markenzeichen
Interview mit dem Kabarettisten-Duo "Funke & Rüther"
Von Christina Quast
"Scharf gemacht", so der Titel des aktuellen Programms der Kabarettisten Harald Funke und Jochen Rüther aus Münster, aus dem sie während der Medien-SommerAkademie eine Stunde lang Auszüge präsentierten. Nachdem Polit-Redakteure aller journalistischen Genre, Politiker und Professoren während der Podiumsdiskussion zum Thema "Politischer Journalismus in der Krise" ein mehrgängiges Menue von Meinungen präsentierte, würzten Funke & Rüther die Thematik mit einer ordentlich Prise geistreichen und bissigen Witz: die weltweite Finanzkrise und die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ganz journalistisch in 1:30 Min. zu verpacken, belohnte das begeisterte Publikum mit Klatschen und Gejohle. Erst nach mehreren Zugaben ließ man die Künstler von der Bühne!
Quast: Bei der Podiumsdiskussion wurde festgestellt, dass die Themen der Woche "Ulla Schmidt und ihr Dienstwagen" waren, die "Horst-Schlämmer-Partei" sowie die Probleme der Hypo Real Estate. Warum haben Sie mit der Finanzkrise das schwierigste Thema auf die Bühne gebracht?
Rüther: Die "Ulla-Schmidt-Geschichte" wäre wohlfeile Politikerschelte; wir finden, dies ist kein wirklich spannender Stoff für das Kabarett. Man kann auf die Frau eindreschen, aber unser Anspruch ist es, sich mit ihrer Gesundheitspolitik auseinander zu setzen. Das ist, was interessant ist.
Quast: Sie stürzen sich auf die politischen Inhalte und nicht die Personen, um das Publikum zu unterhalten?
Rüther: Ja, das ist der Kern unseres Programms, aber das heißt nicht, dass wir nicht über den einen oder anderen frotzeln.
Funke: Wir versuchen die Themen und auch die Welt zu verstehen, wenn wir das Finanzsystem aufdröseln. Wir greifen uns ganz selten Personen raus, wie etwa Herrn Pofalla.
Quast: Politikverdrossenheit sowie die Existenz vieler Nichtwähler wurde während der Podiumsdiskussion häufig beklagt. Wie schwer ist es in dieser Situation politisches Kabarett zu machen?
Funke: Wir versuchen genau das zu thematisieren: Politikverdrossenheit und die Partei der Nichtwähler und wie man darauf reagieren muss.
Rüther: Eine Politikverdrossenheit kann ich nicht feststellen. Ich denke, das hat mit den Parteien zu tun. Das Volk ist eigentlich hochgradig politisiert mit den ganzen Diskussionen wie man isst, welches Auto man fährt und wie die Kinder erzogen werden müssen. Ich sage, das Volk ist politisiert, aber parteienverdrossen - so ist das.
Quast: Welche Medien konsumieren Sie als Politikjunkies?
Funke: Am Tag gehen mindestens ein bis zwei Stunden für Zeitungslektüre drauf.
Rüther: Wir entscheiden uns für überregionale Tageszeitungen, das ist ein Muss. Mittlerweile lese ich viel online und das Fernsehen nutze ich nur sehr wenig.
Quast: Wo gibt es die größere Krise - in der Wirtschaft oder in der Politik?
Funke: Die Frage ist für mich eher, ob die beispielsweise in der Automobilindustrie existierende Krise wirklich schlecht ist? Wenn man überlegt, dass auf dem ganzen Planeten zur Zeit 600 Millionen Autos rumfahren, dann ist es doch mal ganz gut, wenn wir weniger produzieren.
Quast: Vermitteln Sie mit Ihrem Programm die Themen besser als einige Medien?
Rüther: Die Nummer über die Finanzkrise hat dazu geführt, dass wir sehr bei Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden gefragt sind und dort spielen, weil wir harte Wirtschaftsthemen kabarettistisch verarbeiten. Das ist unser Markenzeichen. Manche sagen: "Jetzt habe ich es zum ersten Mal verstanden". Wir maßen uns nicht an politische Bildung ersetzen zu können, aber es ist eine gute Ergänzung.
Quast: Was ist der Unterschied zwischen Kabarettisten und Journalisten?
Rüther: Uns macht es Spaß! Ich glaube, es gibt schon Überschneidungen: Der Ansporn ist Neugier, sich die Dinge zu erklären und in unserem Fall zu pointieren. Das ist eine ähnliche Motivation.
Quast: Wie stehen Sie zur Comedy? Ist das die Boulevardabteilung des Kabaretts?
Rüther: Nein, es gibt gutes und schlechtes Kabarett und es gibt gute und schlechte Comedy. Klar, wenn Mario Barth das Olympiastadion füllt, ist das schon eine Nummer, aber ich habe da keinen Neid. Ich finde es schlimm, wenn etwas total flach ist. Es gibt auch völlig flaches Politkabarett, das nur Klischees und Ressentiments abruft.
Funke: Wenn man sich eine halbe Stunde über den Anzug und die Frisur von Angela Merkel auslässt, dann ist das nicht wirklich gut.
Quast: Gibt es ein politisches Thema, das Sie nicht anfassen, weil man darüber nicht lachen sollte?
Rüther: Grundsätzlich würde ich zu keinem Thema "nein" sagen. Es ist immer eine Frage des "wie". Wenn wir über Hospiz und Sterben Kabarett machen, dann muss man es richtig machen und sich nicht über die Bürde derer, die betroffen sind, erheben oder sie verspotten.


