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Wirtschaftsjournalismus: Schweres verdaulich machen

Von Marcus Hammes

Wirtschaftsjournalisten sind besonders gefordert. Die vergangene Talfahrt der Aktienkurse an den Börsen, drohende Massenarbeitslosigkeit und Kurzarbeitergeld verunsichern die Bevölkerung zunehmend. Während der Medien-SommerAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung sprach Marcus Hammes mit WDR-Wirtschaftsredakteur Ulrich Ueckerseifer über die Darstellung der Krise in den Medien und ihren parteipolitischen Nutzen.

Hammes: Herr Ueckerseifer, Deutschland befindet sich aktuell in einer Wirtschaftskrise von nie dagewesenem Ausmaß. War diese vorhersehbar?

Ulrich Ueckerseifer, Wirtschaftsredakteur, WDRUlrich Ueckerseifer: Die Immobilienkrise in den USA war vorhersehbar. Teilweise stand sie recht frühzeitig in renommierten amerikanischen Zeitungen – fast zu früh. Bereits 2005 wurde in zahlreichen Artikeln über negative Tendenzen berichtet. Doch die Wirtschaft hielt noch zwei Jahre. So gerieten diese Berichte schnell wieder in Vergessenheit. Zunächst hatte die amerikanische Immobilienkrise als solche keine Auswirkungen auf Deutschland und Europa – zumindest keine großen.

Hammes: Aber sie hat doch die deutschen Banken belastet!

Ueckerseifer: Von der Tatsache, dass deutsche Banken in großem Umfang amerikanische Wertpapiere gekauft haben, die von der Immobilienkrise betroffen waren, wussten nur sehr wenige Menschen in Deutschland. Erstens erhalten Journalisten nicht so einen tiefen Einblick in eine Bank. Zweitens stehen solche Investments irgendwo auf Seite 20 und Folgende in einem Geschäftsbericht. Und drittens waren es relativ neue Typen von Wertpapieren, die betroffen waren. Diese gab es zuvor nicht so. Ich glaube, dass war einfach weit weg von der Realität vieler Wirtschaftsjournalisten. Und insofern konnten es auch nur relativ wenige Kollegen sehen.

Hammes: Wann wurde offensichtlich, was sich auf dem Markt abzeichnet?

Ueckerseifer: Das kam im Grunde als große Überraschung, als die Bank IKB fast pleite war. Da kam die Frage auf "Wer hat sonst noch so investiert?". Zu diesem Zeitpunkt funktionierte der Wirtschaftsjournalismus in Deutschland auch ganz gut.

Hammes: Der Beginn der Krise wurde also nicht verschlafen?

Workshop WirtschaftsjournalismusUeckerseifer: Verschlafen wurde er nicht. Man hätte sich früher um die Veränderungen auf den Finanzmärkten kümmern können. Aber das ist natürlich kein populäres Thema. Ich kann mir vorstellen, dass es zum Beispiel im Handelsblatt oder der Financial Times Deutschland gestanden hat – doch eben nicht auf Seite eins.

Hammes: Und nun scheint die Krise ihren Tiefpunkt erreicht zu haben. Die Medien verkünden allmählich Aufschwung.

Uekerseifer: Die Journalisten sind die Krisenberichterstattung satt und wollen wieder positivere Nachrichten vermelden. Es hat sich ein Sättigungseffekt eingestellt. Dieses Vorgehen wird in Wahlkampfzeiten natürlich von der Politik gefördert. Vor allem natürlich von Regierungsseite. Das ist gefährlich.

Hammes: Inwiefern?

Ueckerseifer: Wenn jetzt zu sehr gejubelt wird, könnte sich dies hinterher als verfrüht herausstellen. Aus meiner Sicht ist eine Betonung des Positiven durchaus legitim. Allerdings nicht im Überschwang.

Hammes: Nutzt die Krise dem Wahlkampf eventuell sogar?

Ueckerseifer: Tja, das ist etwas überraschend. Die FDP zum Beispiel steht innerhalb der deutschen Parteienlandschaft, als die Partei der freien Märkte, ausgezeichnet dar. Freie Finanzmärkte provozieren hingegen mittlerweile riesengroße Fragezeichen. Das stört die Wähler jedoch offensichtlich nicht. Theoretisch nutzt eine Krise immer der Regierung. Bei einer großen Koalition ist dies jedoch etwas ungleichmäßig auf die Parteien verteilt.

Hammes: Wodurch kommt das?

Ueckerseifer: In der Realität sind Kurzarbeit und andere Maßnahmen bei vielen Bürgern gar nicht so richtig angekommen. Ansonsten würden die Linken wohl bessere Umfrageergebnisse erzielen.

Hammes: Wie sieht es mit dem Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg aus?

Ueckerseifer: Herr Guttenberg sagt ja nicht so viel Substantielles und überraschend Neues. Und wenn, dann wird es auch schon einmal ganz überraschend wieder zurückgenommen. Ihm nutzt, dass er relativ jung ist und gut aussieht. Das ist für einen Politiker ein Pluspunkt.

Hammes: …ein Pluspunkt, den vielleicht nicht viele Bundespolitiker für sich verbuchen können. Macht Ihnen Wirtschaftsjournalismus eigentlich trotz all der schlechten Nachrichten noch Spaß?

Ueckerseifer: Auf jeden Fall. Gerade solche Zeiten machen den Beruf spannend. Der Reiz liegt darin, schwierige Zusammenhänge leicht verdaulich zu machen. Die aktuelle Finanzkrise bietet dazu unendliche Möglichkeiten.

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