
Der Wahrheitssucher
Der Journalist Ingolf Gritschneder im Portrait
Von Marcus Hammes
Er wirkt ruhig und überlegt, wenn er aus seinem Berufsalltag berichtet. Für Fragen nimmt er sich viel Zeit. Der 53-Jährige ist jemand, der geduldig zuhören kann. Er wirkt schnell vertraut und verschafft seinen Anliegen auf angenehme Art und Weise Aufmerksamkeit. Für seinen Beruf sind diese Eigenschaften Gold wert, auch wenn er ihn bisher nicht reich machte.
Ingolf Gritschneder ist seit über 20 Jahren als Journalist tätig. Die meiste Zeit seiner Arbeit verbringt er mit investigativer Recherche. Sein Entschluss zu einer planmäßigen, strukturierten und zeitaufwändigen Recherche bewährte sich bereits mehrfach. Trotz zahlreicher begehrter Journalistenpreise ist Gritschneder bescheiden geblieben. Er ist keiner, der die große Bühne liebt. Während der Medien-SommerAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung verdeutlicht Gritschneder zahlreichen jungen Nachwuchsjournalisten, wie wichtig es ist, die eigenen Sinne zu schärfen und einen kritischen Blick zu bewahren. Er mahnt an: "Erfolg ist auch möglich, ohne ethische und moralische Grenzen zu überschreiten".
Gritschneder wurde 1955 in Wuppertal geboren. Bereits seit 1988 arbeitet er als freier Journalist in Köln. Dies war jedoch nicht immer sein Plan. Während seines Jurastudiums absolviert der heutige Familienvater ein Praktikum beim Kölner Stadt-Anzeiger. Von da an ist sein Interesse am Journalismus geweckt. Dennoch macht er zwei juristische Staatsexamen. "Heute hilft mir diese Ausbildung", erläutert Gritschneder. Während seiner Arbeit berührt der Wahrheitssucher immer wieder die wirtschaftlichen Interessen großer Unternehmen. "Klageandrohungen und Rechtsstreitigkeiten sind keine Seltenheit", weiß der routinierte Journalist. Er gehört zu den wenigen seiner Zunft, die für langwierige und kostenintensive Recherchen bezahlt werden. Der Bergisch-Gladbacher schreibt für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, die Welt und den Kölner Stadt-Anzeiger; als freier Autor dreht er Beiträge für den Westdeutschen Rundfunk (WDR).
In letzterer Funktion machte er sich vor allem auch in Köln einen Namen. Vielen "Hohen Tieren" steht Zorn ins Gesicht geschrieben, wenn sie den Namen Gritschneder hören. Und das ist nicht verwunderlich. Dank Gritschneders Arbeit nahm der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer sein Medikament "Trasylol" vom Markt, dem der Journalist zusammen mit seinen Kollegen eine oftmals tödliche Wirkung nachwies. Das angebliche Wundermittel, welches Blutungen zum Beispiel bei Beipassoperationen stoppen sollte, verschaffte Bayer bis dahin einen enormen Umsatz.
Doch auch dem "Kölner Klüngel" geht er auf die Spur. Preisabsprachen beim Bau der neuen Messehallen und Bestechung stehen unter anderem im Mittelpunkt seiner Recherchen für den WDR. Nachdem bereits drei Filme unter dem Titel "Milliarden Monopoly" ausgestrahlt wurden, für die er im Jahre 2007 mit dem Willy-Bleicher-Preis ausgezeichnet wurde, ist das Messethema nun wieder aktuell. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach Jahren wegen Korruptionsverdacht. "Doch es ist nicht ratsam, immer nur investigative Themen zu verfolgen", mahnt Gritschneder die jungen Journalisten, die seinem Workshop zur Medienpraxis in großer Zahl gespannt lauschen. Auf Nachfrage erklärt er schmunzelnd: "Das ist nicht gut für die Nerven". Daher befasst er sich zum Beispiel auch mit religiösen Themen – zum Ausgleich. Doch lassen kann er es nicht: "Ich arbeite auch gerade wieder an einer brisanten Geschichte".


