
Warum das Quäntchen Glück in unserer journalistischen Zukunft
nötig ist
Reflexionen über zwei Tage FES-Medien-Sommerakademie in Bonn
Von Kathi Back
Samstagabend, 20.24 Uhr: Gemeinsam mit Lisa stehe ich im Zug, der uns vom Bonner Hauptbahnhof ins Ruhrgebiet bringen soll. Glücklicherweise kam der Zug acht Minuten zu spät - an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die immer zuverlässiger werdenden Pannen der Deutschen Bahn -, so dass es für uns kein Problem war, diesen zu bekommen und wir sogar noch ein wenig Zeit hatten, auf dem Bahnsteig die anderen Reisenden zu beobachten.
Es ist rappelvoll- Wochenende eben - und von daher bleibt mir nur ein Stehplatz, den ich aber dankend annehme, da die zwei Tage für meinen Geschmack sowieso zu sitzintensiv waren - ich kann es nicht ändern, ich habe Hummeln im Hintern.
Mit einem lilafarbenen Textmarker bewaffnet blättere ich durch mein Notizbuch, um die Vorarbeit für den morgigen Tag zu erledigen: Dann kann ich morgen sofort in die Tasten hauen und mich schneller mit meiner Freundin auf’s Fahrrad schwingen, um eine Radtour am Rhein-Herne-Kanal zu machen. Die Vorfreude auf diesen sonnigen Sonntag beflügelt mich bei der Arbeit und lässt mich im Kopf die zwei Tage in Bonn noch mal im Schnelldurchgang - passend zur Geschwindigkeit des Zuges - durchleben. Die Geräuschkulisse der anderen Reisenden um mich herum nehme ich gar nicht wahr... Meine Gedanken kreisen um die neuen Erfahrungen, die ich in den letzten beiden Tagen gesammelt habe.
Meiner Ansicht nach war die Veranstaltung ein Erfolg: Ich habe neue Kontakte geknüpft, mich mit Gleichgesinnten ausgetauscht, Branchenprofis kennengelernt und meine Kenntnisse, die mein journalistisches Handwerk betreffen, ausgebaut. Nun kann ich beruhigter in ein politisches Interview gehen und fühle mich dazu ermutigt, mich näher mit der Faszination "Investigativer Journalismus" auseinanderzusetzen. Volker Engels und Ingolf Gritschneder haben gute Arbeit geleistet!
Neben all den vielfältigen Tipps und gut gemeinten Ratschläge von den Profis habe ich auf der Medien-Sommerakademie auch noch einige andere wissenswerte Informationen bekommen: Zum Beispiel weiß ich nun, dass Frauen pro Jahr 20kg mehr Obst essen als Männer, die aber als Ausgleich dazu 70% der Snacks in Tankstellen verzehren. – Für mich ein eindeutiger Grund, froh über meine Weiblichkeit zu sein.
Aber wer hätte gedacht, dass 37 Millionen der Deutschen übergewichtig sind? Ob das wohl stimmt? "Was meinst du, Lisa?" Sicherlich eine Definitionsfrage...Wie war doch gleich der nette Spruch von Winston Churchill? Ach ja: "Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!" Da haben wir es also... . Auf der anderen Seite die ernüchternden aktuellen Geschehnisse: Massenentlassungen bei den Zeitungen, Absatzschwierigkeiten und Anzeigenprobleme, Honorare unter 20 Cent pro Zeile, kleine Verlage, die einfach platt gemacht werden... Rosig sieht die Lage im Mediendschungel momentan nicht aus.
Aber wenn - die Stimme des Bahnmitarbeiters reist mich aus meinen Gedanken: "Sehr geehrte Fahrgäste, wegen Personen im Gleis verzögert sich die Weiterfahrt bis auf Weiteres. Ich wiederhole: Wegen Personen im Gleis verzögert sich die Weiterfahrt bis auf Weiteres."
"Was erzählt der da? Wegen Personen im Gleis? Was ist das denn für eine komische Formulierung! Jetzt können schon die Mitarbeiter der Deutschen Bahn unsere Sprache nicht mehr sprechen. Wo kommen wir denn da hin?", wende ich mich an Lisa. "Da hat sich bestimmt jemand umgebracht ...", meint meine Freundin. Eine fürchterliche Vorstellung, die ich schnell zur Seite schiebe.
Ein Blick nach draußen verrät mir, dass wir exakt am Düsseldorfer Flughafen stehen. Wie gerne würde ich jetzt raus rennen, mich in einen Flieger setzen und ein bisschen Urlaub machen. Aber halt! Geht nicht, am Montag muss ich arbeiten: Die Generation Praktikum lässt grüßen...
Dazu fällt mir spontan Hannelore Krafts Beitrag auf dem Panel ein: Sie hat sich darüber aufgeregt, dass unser deutsches Studiensystem durch die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge seine größte Stärke verliert: Die Wahlfreiheit, welche durch die neuen Verordnungen so gut wie entfällt. Schade, ich hätte besser vor 10 Jahren studiert, aber da hab ich noch mit Playmobil gespielt. Trotzdem finde ich es gut, dass Frau Kraft ihre Meinung vertreten hat - auch wenn mir das in meinem Studiengang momentan nicht viel nützt.
Eine junge Frau mit einem Starbucks-Becher bahnt sich einen Weg durch die überraschenderweise ruhig wartenden Fahrgäste. Es scheint, dass die meisten Bahnfahrer sich bereits ein dickes Fell zugelegt haben und sich über Komplikationen während der Reise nicht mehr aufregen - die Menschen sollten in anderen Bereichen mal genau so tolerant sein!
Bei dem Starbucks-Kaffee fällt mir Konstantin Neven DuMonts Aussage ein: Dass viele Leute bereit sind 3,50 Euro für einen exklusiven Kaffee mit allen erdenklichen Geschmacksrichtungen auszugeben, sich aber beschweren, wenn eine aktuelle Tageszeitung zwei Euro kostet! Wo kommen wir denn da hin?! Das Bewusstsein in den Köpfen der Bürger muss eindeutig geändert werden, das steht fest!
Wie kann das bewerkstelligt werden? Dies ist wohl eine der Fragen, mit denen wir als junge Journalisten-Generation in Zukunft auseinandersetzen müssen. Es gilt, möglichst kreative Lösungsansätze für eine Vielfalt von Problemen zu finden. Als unverbesserliche Optimistin bin ich davon überzeugt, dass wir es schaffen werden, in den Köpfen der Leute etwas zu bewegen. Also, packen wir’ s an: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!
Nach dreißig Minuten setzen wir unsere Weiterfahrt fort. Wir haben Glück, dass in Duisburg sofort Anschlusszüge nach Essen und Gelsenkirchen warten. Genau dieses Quäntchen Glück wünsche ich uns allen für unsere Zukunft: dass wir uns mit Leidenschaft und Engagement unserem Traumberuf Journalist widmen und dazu stehen, egal, wie groß die Krise gerade ist! Und wer jetzt denkt: "Die ist doch verrückt!", hat wahrscheinlich recht. So sind Optimisten.
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Das einjährige Weiterbildungs-studium "Nachhaltigkeit und Journalismus" bietet berufstätigen Medienmachern und Absolventen an der Universität Lüneburg ab Oktober 2012 die Chance, ihr Sachwissen in den Feldern Umwelt und Nachhaltigkeit zu vertiefen. Und mit Journalisten die Vermittlung grüner Themen zu üben.
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