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Interviews & Kommentare zum 16. MainzerMedienDisput 2011

"Ich bin anders, ich denke anders, ich funktioniere anders"

Ulrich Tilgner ist Korrespondent des Schweizer Fernsehens und berichtet seit den 80er Jahren aus dem Orient. Nach der Islamischen Revolution war er in Teheran als Korrespondent akkreditiert und leitete dort von 2002 bis 2008 das ZDF-Büro. Sein Berichtsgebiet umfasst außerdem den Irak und Afghanistan. Neben aktuellen Beiträgen fertigt Tilgner Dokumentationen über die Region.

Von Emily Senf

Ulrich Tilgner hatte den richtigen Riecher. Er zweifelte. Während der Islamischen Revolution Ende der 70er Jahre in Iran glaubte noch jeder andere an die unerschütterliche Macht von Schah Mohammad Reza Pahlavi. Tilgner tat es nicht. In seinen Berichten nach Deutschland sagt der damals noch junge Auslandskorrespondent das Ende der iranischen Monarchie vorher – und er behält Recht. Der Schah ging, aber Tilgner blieb und gilt seither als einer der wichtigsten Berichterstatter über den Nahen Osten.

Sein Vorhaben war mutig: Als die Revolution in Iran begann, war er gerade Chef vom Dienst im dpa-Landesbüro Südwest. Sein Interesse am Nahen Osten zog ihn dann in die kritische Region. "Ich war ledig", sagt er achselzuckend. "Also habe ich mir zehn Tage Urlaub genommen und bin nach Teheran geflogen." Studienfreunde vermittelten ihm vor Ort Kontakte zu den Einheimischen – Piloten, Politiker, Opfer. "Dadurch hatte ich andere Zugangsquellen als meine Kollegen", erklärt Tilgner.

Es war der entscheidende Faktor, der seinen Erfolg ausmachte.

Durch sein Studium der Kultur- und Politikwissenschaft hatte sich Tilgner ein Vorwissen über den Orient angeeignet, das ihm in Iran zugute kam. Ein bisschen Farsi sprach er auch. "Wir waren damals die ersten Auslandskorrespondenten in der Region", sagt Tilgner. Jede Information musste er sich mühsam erarbeiten, jede Quelle selber auftun. Dennoch – oder gerade deswegen – ließ ihn die Leidenschaft nicht los. "Ich habe dann gekündigt und bin als Freier hin", erzählt der 63-Jährige. Die öffentliche Meinung war zersplittert, die Politiker zerstritten. "Eine fantastische Situation für Journalisten."

Er drehte Berichte für die ARD und schrieb als Korrespondent für die dpa und mehrere Tageszeitungen. Bereits kurze Zeit später wurde er jedoch aus Iran ausgewiesen. In einem Fernsehbericht über die Hinrichtung von Schülern habe er übertrieben, lautete die Begründung des iranischen Botschafters. "Die suchten bewusst Schwachstellen", meint Tilgner. Der Auslandsberichterstatter bewegte sich schon während der Revolution am liebsten alleine durchs Land. Mit dabei waren immer ein Übersetzer und ein Fahrer. "Denen muss man vertrauen können", betont Tilgner. Schließlich wolle man nicht von ihnen an radikale Entführer übergeben werden. "Damals war das Reisen aber noch viel einfacher als heute", erzählt er. "Häufig bin ich einfach mit dem Bus zu meinen Kontakten gefahren."

Ganz nah dran sein, das ist Tilgners Erfolgsrezept: "Ich will darüber berichten, wie es wirklich ist." In den 80ern war er meistens mit Oppositionellen unterwegs, "aber nie zu lange mit einer Gruppe." Dann sei eine unabhängige Berichterstattung nicht mehr gewährleistet. Für Tilgner unvorstellbar. Der Korrespondent behauptet: "Auf meinen Reisen in den Nahen Osten bin ich anders, denke ich anders, funktioniere ich anders." Im Irak-Krieg hat er einen Gasangriff überlebt, und bei einer Live-Sendung nach Deutschland sind in seiner Nähe Raketen eingeschlagen. Der Sender wollte abbrechen, aber Tilgner machte weiter. "Ich wusste ja, dass mir nichts passieren kann", erklärt er gelassen.

"Ich habe gelernt, zu hören, wie nah eine Rakete ist oder ob das Feuer in die Stadt rein- oder rausgeht." All das würden Journalisten heute bezahlten Sicherheitsfirmen überlassen. "Aber gerade dadurch erschweren sie sich doch den Zugang zur Bevölkerung", kritisiert Tilgner. "In Bagdad hocken alle in der Grünen Zone und trauen sich nicht auf die Straße." Er selber sei zwar schon häufiger festgenommen, nach ein paar Stunden in einer Gefängniszelle aber wieder freigelassen worden. Er sagt deutlich: "Ich habe noch niemals mein Leben riskiert." In allen Berufsgruppen gebe es Risiken, das sei bei Journalisten eben auch so. Alles andere, die Angst vor Überfällen und Entführungen, "ist eine Riesen-Show", meint Tilgner. Der Begriff Kriegsreporter existiert für ihn nicht. "Dann müsste es auch Friedensreporter geben", sagt er entschieden.

Seit fast vier Jahren arbeitet Tilgner nun schon für das Schweizer Fernsehen. Die Berichterstattung dort sei völlig anders als in Deutschland. "Die Schweizer haben viel mehr Auslandserfahrung", findet er. "Sie sind neutral und verstehen sich als Helfer, die das Kriegselend in der Bevölkerung mindern wollen." Aber auch sie glichen sich ihren nördlichen Nachbarn immer mehr an, gibt Tilgner zu. Der Wegfall eigener Nachrichtendienste lasse keine ihnen keine andere Möglichkeit.

Nach fast 40 Jahren als Nachrichtenkorrespondent mit Büros im jordanischen Amman und in Teheran hat der Mann mit der "tiefen Seele", der, wie er über sich sagt, heute mehr denn je gegen Kriege eingestellt ist, noch immer diese Leidenschaft für die unmittelbare Berichterstattung, die ihn schon in der Islamischen Revolution antrieb. Für seine Korrespondenz über den Irak-Krieg erhielt Tilgner 2003 sogar den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis für Fernsehjournalismus. Er hätte "unter den extremen Bedingungen der Kriegsberichterstattung seine professionelle Qualität und seine journalistische Unabhängigkeit bewahrt und bewiesen", lautete die Begründung des Trägervereins in Hamburg. Aber Tilgners Traum von einst ist zerplatzt. "Ich war überzeugt, mit meinen Berichten etwas ändern zu können", sagt er. "Das bin ich heute nicht mehr."

 

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