
Interviews & Kommentare zum 16. MainzerMedienDisput 2011
"Die Mauer des Schweigens" durchbrechen und Unabhängigkeit bewahren
Ein Kommentar von Susanne Wagner
Es wurde viel diskutiert auf dem 16. MainzerMedienDisput. Über die Überpräsenz der Bundeswehr in Medienberichten zu Afghanistan beispielsweise. Die Konsequenzen, die ein vollständiger Abzug der Bundeswehr und der US-Truppen hätte. Die schwierigen Bedingungen für Journalisten und die Hürden bei der Berichterstattung.
Ein Disput, laut Duden ein "kontrovers geführtes Gespräch" oder gar "Streitgespräch", kam dabei nicht zustande. Leider.
Was ist also hängengeblieben?
Die Situation in Afghanistan ist heute durch die Taliban viel schwieriger als beispielsweise noch in den 80er Jahren, meint Auslandskorrespondent Ulrich Tilgner. Wo früher "Freiheitskämpfer" waren, sprechen wir heute von "Terroristen".
Christoph Reuter vom Spiegel kritisiert die fehlenden Hintergrundinformationen bei den meisten Medienberichten. Es sei oft schwierig, "die Situation richtig darzustellen". Er spricht außerdem von einer "Mauer des Schweigens", vor der viele Journalisten in Afghanistan stehen. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass oft der Zugang zu banalsten Informationen versperrt wird. Diese Mauer gilt es also zu durchbrechen.
Prof. Dr. Günter Meyer sieht in Afghanistan nach Abzug der Militärtruppen einen Bürgerkrieg bevorstehen. Zu groß sei das Anschlagspotential im letzten Jahr geworden und wird weiter zunehmen. Reuter glaubt dagegen nicht an einen schnell durchführbaren Abzug der Truppen bis 2012 und ist der Meinung, den "Rückfall ins große Chaos" wird es nicht geben. Ein Disput wird aus diesem durchaus streitwürdigen Thema leider nicht.
Die Meinungen stehen für sich im Raum, der Moderator setzt sich nicht ins gemachte Nest und greift die Kontroversen erneut auf…nein…er springt zum nächsten Thema.
Und was sagt die einzige Frau in der Runde, Dr. Dietlinde Quack? Sie sieht Spendengelder in falsche Hände fließen, fordert daher die Förderung kleinerer Projekte, die sich dann auch umsetzen lassen.
Und was ist mit dem Medieninteresse? Wird das überhaupt noch bestehen bleiben, sollte die Bundeswehr nicht mehr länger in Afghanistan präsent sein? Auch hier: ein Konsens. Alle verneinen. Sind der Meinung, dass das Medieninteresse stark nachlassen wird. Und steigen erneut in die bereits leidige Diskussion ein, dass der Fokus bei der Berichterstattung zu sehr "Bundeswehrlastig" sei. Man über viel anderes in Afghanistan berichten könnte.
Konkret wird es nur bei Christoph Reuter: Er sieht Afghanistan als unglaublich dynamisches Land mit enormen Umbrüchen, "über die Serien entstehen sollten in den Medien". Ganze Landstriche sind zu Städten geworden und haben Afghanistan verändert. Reuter fordert Konzepte, die es dem Zuschauer bzw. Leser ermöglichen, sich überhaupt erst ein Bild von der Situation in Afghanistan zu machen und das Interesse der Rezipienten an Themen über Afghanistan zu wecken. Ein konstruktiver Beitrag. Klingt vielversprechend. Ein gutes Schlusswort. Fast.
Denn abschließen darf Ulrich Tilgner, der jeden Journalisten auffordert, sich seine Unabhängigkeit bei der Berichterstattung zu bewahren. Auch wenn es gefährlich ist. Auch wenn es bald ziemlich sicher keinen Schutz mehr durch die Bundeswehr-Truppen geben kann. "Objektiv embedded"? Bald nicht mehr.
"Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr groß", wie Friedrich Nowottny, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks, 2003 so treffend formulierte. Das ist die Kehrseite der Medaille. Dann vielleicht besser bald "unabhängig released"?!
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