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Interviews & Kommentare zum 16. MainzerMedienDisput 2011

"Masse statt Klasse?"

Interview mit Tanja Mattews

Karl Theodor zu Guttenberg ist wieder zurück: ohne Brille und mit neuem Look. Wer das noch nicht mitbekommen hat, lebt fernab der Medienwelt, denn egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, egal ob Qualitätsanspruch oder nicht: Es ist das Thema in sämtlichen Medien Deutschlands. Ist es da nicht langsam egal, wie viele Sender und wie viele Zeitungen wir haben, wenn eh alle die gleichen Themen auf die Agenda setzen?

Über die Zukunft des Journalismus und darüber, ob Medien heutzutage ein Alleinstellungsmerkmal benötigen, sprach ich mit Prof. Dr. Kurt Imhof vom Soziologischen Institut der Universität Zürich.

Herr Imhof, "Interessant vor Relevant" war das Motto des 16. Mainzer Mediendisputs. Sollte man heutzutage nur massentaugliche Themen bringen oder sich durch ein Alleinstellungsmerkmal von der Masse abheben?

Bei den neuen Formen des Billig-Journalismus lässt sich immer mehr eine Annäherung zu Soft-News und Massenangeboten erkennen und wenn wir die qualitätsorientierten Formate betrachten, dann sollten die sich weniger von den Agenden des Billig-Journalismus beeinflussen lassen. Wir beobachten beispielsweise diese Rückkehr oder versuchte Rückkehr Guttenbergs. Da stürzen sich alle drauf und zwar sowohl die Medien mit Qualitätsanspruch als auch diejenigen, die überhaupt keinen Qualitätsanspruch haben.

Gibt es bei den Medien Alleinstellungsmerkmale die Sie empfehlen können?

Als Alleinstellungsmerkmal ist mir die eigenständige Agenda wichtig, dass sich eine Redaktion überlegt, was für eine Agenda sie eigentlich hat und sich die nicht durch die Billig-Label oder den Billig-Journalismus vorschreiben lässt. Es ist offensichtlich, dass eben die Soft-News-Themen auch im Bereich der qualitätsorientierten Medien Raum finden. Man muss die relevanten Themen anbieten: Politik, Wirtschaft und kulturelle Themen. Aber die eigenständige Agenda und die Diskussion über die eigenständige Agenda ist das wichtigste Alleinstellungsmerkmal.

Im Zeitalter des Internets haben wir zahlreiche formationsplattformen. Können die überhaupt noch überleben?

Die können so nicht überleben, weil die Werbung mehr zu Facebook und zu den Suchmaschinen geht. Das heißt: Wenn sich der Informationsjournalismus auf das Netz verlagert, brauchen wir zusätzliche Mittel, weil die alte Ehe zwischen Werbung und Publizität in der Zukunft immer weniger funktioniert.

Wir leben in einer schnellen Zeit, in der Journalisten immer schneller arbeiten müssen und es immer mehr Angebote gibt. Können sie einen Ausblick geben, was noch kommen wird?

Ich glaube nicht, dass grundsätzlich neue Angebote kommen. Es ist klar, die Inhalte rücken im Netz zusammen. Das heißt aber nicht, dass wir keine Zeitungen oder kein klassisches Fernsehen mehr haben. Das Publikum ist nach wie vor da. Aber diese Konvergenz im Netz bedeutet bis jetzt eine Entprofessionalisierung des Journalismus, weil die Ressorts aufgelöst werden und die Journalisten für verschieden Geschichten fähig sein und verschiedene Kanäle gleichzeitig bedienen sollen. Diese Entprofessionalisierung, die kommt uns nicht entgegen, weil wir in allen anderen Berufsbereichen in modernen Gesellschaften eine funktionale Ausdifferenzierung haben. Das bedeutet sie professionalisieren und spezialisieren sich. Im Journalismus findet das Gegenteil statt, weil die Ressourcen nicht ausreichend zu den neuen Möglichkeiten nachwachsen und diese Ressourcenstärkung, die muss sich eine Demokratie leisten, wenn sie der sanften Gewalt des besseren Arguments weiterhin zum Durchbruch verhelfen will.

Wie sieht es auf der Seite des Rezipienten aus, der mittlerweile auch Soziale Netzwerke als Informationsquelle nutzt. Welche Entwicklung sehen Sie?

Wenn wir auf Social Media gehen, dann sind hier die themenzentrierten Öffentlichkeiten interessant, beispielsweise die "Von Guttenberg Fansite", die es gegeben hat und eine "Sarrazin-Debatte". Das ist die ‚indiskrete Geschwätzigkeit‘ in den Freundesnetzwerken. Aber es ergeben sich in Social Media auch themenzentrierte Öffentlichkeiten gegenüber einem anonymen Publikum, und diese themenzentrierten Öffentlichkeiten, die müssen wir immer mehr im Zusammenhang sehen mit den Flussöffentlichkeiten, d.h. den Kommunikationsereignissen, die permanent und nebeneinander durch den Informationsjournalismus hergestellt werden. Wir brauchen diesen Informationsjournalismus mit seinen Infrastrukturen, mit gut bezahlten Leuten und mit einem guten Status. Die Wechselwirksamkeit zwischen themenzentrierten Öffentlichkeiten, Social Media und den Flussöffentlichkeiten durch den Informationsjournalismus, die wird immer wichtiger werden für beide.

 

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Das einjährige Weiterbildungs-studium "Nachhaltigkeit und Journalismus" bietet berufstätigen Medienmachern und Absolventen an der Universität Lüneburg ab Oktober 2012 die Chance, ihr Sachwissen in den Feldern Umwelt und Nachhaltigkeit zu vertiefen. Und mit Journalisten die Vermittlung grüner Themen zu üben.
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