
Kommentar zum MainzerMedienDisput (MMD) 2010
"Leitmedium" Bildzeitung
Kommentar von Gudrun Hüther, FES-Stipendiatin und Teilnehmerin des Workshops "Interview und Recherche - Journalistische Strategien im Dickicht der Politik", Studentin des Masters Politische Kommunikation an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Eigentlich sollte es im Panel 1 des 15. MainzerMedienDisputs darum gehen, "Ermittlungen in eigener Sache" durchzuführen. "Vor dem Kadi" sollte die Frage geklärt werden, ob Journalismus und "Duales System" wirklich schuld sind an der Politikverdrossenheit und dem Desinteresse der Bürger an politischen Themen. Im Ansatz: ermutigend. In der Umsetzung: entmutigend.
Denn schon die Besetzung des Podiums zu diesem Thema gab bereits Anlass zu einigen Bedenken. Eingeladen waren der Medienanwalt Dr. Christian Schertz, der WDR-Intendant a.D. Fritz Pleitgen und der Senior Vice President für Nachrichten und politische Information der ProSiebenSat.1 Media AG Peter Limbourg. Bei allem Respekt für die Diskutanten muss an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, warum - bei der Auswahl an hochkarätigen Medienkritikern - ein Anwalt die Diskussion leitet. Auch ist interessant, weshalb ein Pensionär und keiner der aktuellen Verantwortlichen des öffentlichrechtlichen Rundfunks sich bereit erklärt hat, um über ein so wichtiges Thema zu sprechen.
Was nun dabei heraus kam, war unter anderem ein Loblied auf die politische Bildungsleistung der Bildzeitung. In der Mitte der Bevölkerung sei die "Bild" inzwischen zu sehen, ist aus Peter Limbourgs Mund zu hören. Auf Seite Zwei leiste das Blatt vorbildliche politische Bildungsarbeit: Guter kritischer Journalismus sei dort zu finden, so der Tenor der Runde. Doch wer nun von den Publikumsteilnehmern glaubte, bei diesen Beifallsbekundungen für die "Bild" handle es sich nur um eine einmalige Entgleisung, der sollte irren. Denn im dritten Panel ging es fröhlich weiter mit den Huldigungen für das Boulevardblatt. Sie werde "gerne gelesen" von den Kollegen, so der Kommentar von Autor Tilman Jens. Wenn man diesen Einschätzungen folgt, ist die Bildzeitung inzwischen also zum "Leitmedium" geworden.
Die Tatsache, dass weiterhin "alle" - womit wohl die breite Masse der Nicht-Bild-Redakteure gemeint sind - über die "Bild" schimpfen, wie Jens ebenfalls feststellt, kann dieses erschütternde Faktum dann auch nicht mehr wettmachen. Im Gegenteil, so zeigt es doch lediglich, dass die Realität bisweilen verdrängt wird. Widerspruch, Kritik oder gegenteilige Äußerungen aus dem Fachpublikum - man erinnere sich: der MainzerMedienDisput ist und bleibt eine Veranstaltung von Journalisten für Journalisten - gibt es mit Ausnahme von leisem Gemurmel nicht. Wie, wenn nicht zustimmend oder resignierend ist diese Reaktion zu bewerten. Die neue Rolle der Bildzeitung wird von den anwesenden Journalisten ohne Widerworte akzeptiert. Ein ernüchterndes Bild , das die Mainzer Journalistenelite in diesem Punkt abgibt.
So bedarf es eines Matthias Deutschmann, seines Zeichens erklärter MainzerMedienAgent und Kabarettist, der das Wort erhebt gegen das "Erbrechen" komplexer politischer Themen in der "Bild" und gegen die Auffassung von einer politisch uninteressierten Bevölkerung, die zu "doof" sei, um Qualitätsjournalismus zu verstehen. Schade eigentlich, dass all die Bemühungen während der Tagung die journalistischen Tugenden hoch zu halten - ihre Mittlerrolle zwischen Politik und Bürger, die konstitutive Bedeutung der "vierten Macht" für die Demokratie, ihre Informations- und Kritikfunktion – angesichts der Zurückhaltung in der "Bild"-Frage geradezu verpuffen. Kopfschmerzen wird er haben, sagt Deutschmann, wenn er vom Mediendisput nachhause kommt. Aber das ist auch verständlich, oder?
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