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Interview zum MainzerMedienDisput (MMD) 2010

Vom Schwabe ist ein neues Bild entstanden

Interview von Christa Roth

Josef-Otto Freudenreich ist gebürtiger Oberschwabe und das hört man. "Klar, mach mer des! Isches ok, wenn immer vorher no schnell ne Zigarette genehmige?", antwortet der 60-jährige auf die Frage, ob er Zeit für ein Gespräch hätte.

Bereits am Abend zuvor, dem ersten Tag des 15. Mainzer Mediendisputs, durfte er in schönster Mundart über die Mangelerscheinungen des deutschen Journalismus referieren. Als Ersatz für Alexander Kissler von der Süddeutschen Zeitung ist Freudenreich, Autor und ehemaliger Chefreporter der Stuttgarter Zeitung, die perfekte Besetzung während der abendlichen Diskussionsrunde im voll besetzten SWR-Landesfunkhaus. Immerhin dreht sich an den beiden Tagen eine Vielzahl der Debatten um die anhaltende Politisierung der Stuttgarter Bürgerschaft gegen das geplante Bahnprojekt Stuttgart 21 (S 21).

Kurz vor zwölf Uhr, Panel 2 zum Thema "Beim Rückzug in Lokale: örtlich betäubt" ist gerade zu Ende gegangen. Nach seinem zweiten Auftritt bahnt sich Freudenreich – ein Päckchen Tabak in Hand – von der Bühne kommend einen Weg durch das ZDF-Kongresszentrum. Wo sich hungrige Teilnehmer bereits das Mittagessen schmecken lassen, dreht sich Freudenreich genüsslich eine schmale Zigarette und wirkt dabei auf den ersten Blick fast so lässig wie sein Jeans-Outfit.

Roth: Sie sind nicht nur kritischer Autor, sondern sicher auch ein umweltbewusster Verkehrsteilnehmer. Sind Sie mit der Bahn hierher gekommen?

Freudenreich: Ich bin mit der Bahn gekommen und werde auch mit der Bahn wieder wegfahren.

Und, sind Sie zufrieden mit der Bahn?

(misstrauisch) Sagen Sie, arbeiten Sie für die Bahn? Aber ich sehe hier (blickt auf das Namensschild seines Gegenübers, auf dem deutlich die Zugehörigkeit zur FES zu erkennen ist) – ah, ok. (Pause, immer noch skeptisch) Aber jetzt wirklich ernsthaft: Machen Sie was für die Bahn?

Nein, überhaupt nicht. Ich studiere Politikwissenschaft an der FU Berlin. Und eigentlich wollte ich Sie zu Stuttgart 21 befragen, aber jetzt haben Sie mir mein Konzept quasi aus den Händen gerissen.

(verlegen) Oh, Entschuldigung.

Das hätte Spaß gemacht.

(lacht) Gut. Wir machen nochmal.

Sie sind also Bahn gefahren. Sind Sie denn auch zufrieden mit der Bahn?

Also, ich bin nicht so nervös wie viele andere, die sich schon tierisch darüber aufregen, wenn die mal fünf Minuten zu spät kommt. Ich finde einfach, dass die Bahn ein wichtiges, auch ökologisches Verkehrssystem ist, das ich unterstützen will, indem ich mit ihm fahre und ich fahre gern mit der Bahn.

Fahren Sie mit der Bahn auch nach Stuttgart und gehen dann auf eine Demonstration in den Schlossgarten?

Na, klar. Ich bekenne in diesen Wochen, dass ich das Projekt S 21 für ein Wahnsinns-Projekt halte, daraus können Sie schließen, dass ich dagegen bin und dass ich für den Kopfbahnhof bin. Und auch das sollte gesagt sein: zu den Demonstrationen fahre ich immer mit der Straßenbahn.

Zur Zeit werden die Schwaben zum Beispiel in Berlin für ihren mutigen Einsatz auf der Straße bewundert. Wie fühlt sich das für Sie persönlich als Schwabe an, dass sich die nationale Wahrnehmung so verschoben hat?

Großartig! Wer hätte das gedacht, dass es mal einen Slogan gibt: Schwaben auf den Barrikaden! Da ist wirklich ein neues Bild entstanden, dass dem Schwabe ja auch gut tut, der bisher immer mit der Kehrwoche identifiziert worden ist und jetzt steht der plötzlich zu zehntausenden auf der Straße. Das ist eine Politisierung der Schwaben – ein paar Badener sind natürlich auch dabei (schmunzelt). Das Image dieses Volksstamms, das früher behäbiger – zumindest wurde das so behauptet – gewesen sein soll, das wurde aufgewertet und tut geheuer gut.

Aber es entzweit auch. Bei Familienfeiern bleiben Stühle leer.

Das ist richtig. Es spaltet nicht nur die Stadt, es spaltet Familien bis rein in Beziehungen. Das ist natürlich nicht schön. Aber jetzt haben wir ja so einen großartigen Schlichter, also auf der oberen Ebene, der schon viel dazu getan hat, dass da auch eine gewisse Befriedigung eingetreten ist in Stuttgart. Deeskalation heißt es ja immer und da kann man nur hoffen, dass die Friedfertigkeit dann auch in den privaten Bereich Einkehr hält.

Fällt es Ihnen als Journalist schwer, neutral zu bleiben, wenn Sie als Schwabe bereits Stellung bezogen haben?

Das ist schon schwierig. Unsere Funktion ist ja quasi neutral, quasi objektiv draufzugucken. Wenn Sie dann aber bei diesem Wasserwerfereinsatz am "Blutigen Donnerstag“ dabei waren, selber nass gespritzt worden sind, den Pfefferspray in den Augen spüren … da fällt’s dann verdammt schwer, so als quasi lokaler Betrachter der Szene neutral zu sein. Da geht einem schonmal der Sack auf, wie der Schwabe so sagt.

Trotzdem haben viele lokale Journalisten vor Ort lange gebraucht, bis sie eine kritische Berichterstattung über das Projekt zustande gebracht haben. Was hat sie daran gehindert?

Ich glaube nicht, dass es primär ein ökonomisches Moment war. Da wird auch viel Verschwörungstheoretisches verbreitet – frei nach dem Motto, das Stuttgarter Pressehaus hängt am Tropf der Landesbank Baden-Württemberg. Mit solchen Formulierungen wäre ich vorsichtig. Es ist vielmehr eine Bewusstseinsgeschichte. Natürlich gab es eine Blattlinie, von Anfang an, von der Chefredaktionsseite aus: Wir sind für Stuttgart 21!, der sich die Kollegen mehr oder weniger – eher mehr – angeschlossen haben. Das tragen sie natürlich bis heute als schweren Rucksack auf ihrem Rücken mit sich herum. Schwer deshalb, da sie inzwischen halt merken, dass sich da sehr viel bewegt hat. Das, was ich immer sage: Demonstranten sind auch Leser. Und sie merken, dass da was nicht stimmen kann, dass sie mit dieser nur Pro-Linie an die Wand fahren oder ins Leere, je nachdem. Sie trauen sich aber nicht – zumindest der größerer Teil – Farbe zu bekennen. Das hat mit Mut zu tun, der einfach nicht da ist, aber dringend notwendig wäre, gerade in diesen Zeiten: sich zu positionieren, eine Meinung zu haben. Heute sagt man ja Haltung. Daran krankt es. Das ist das wesentlich größere Problem als der ökonomische Druck.

Die überregionale Presse scheint sich darüber einig zu sein, dass S 21 auch kritisch hinterfragt werden muss. Das haben mittlerweile auch lokale Journalisten aufgegriffen. Ist es jetzt Mode, gegen S 21 zu sein, weil scheinbar alle es sind?

So ist es ja nicht, dass in Stuttgart die Blätter unisono gegen S 21 wären. Was passiert ist, ist eine gewisse Öffnung. Das ist in der Tat eine Folge dieser überregionalen Berichterstattung, die ja auch immer wieder mit Enthüllungen kommt. Das ist eine ganz interessante Entwicklung, die da heißt, warum erst jetzt? Jetzt kommen, sagen wir mal, immer neue Ungereimtheiten ans Licht, die man eigentlich viel früher hätte ahnen müssen, die aber von den lokalen Medien – und da nehme ich mich selber auch an die Backe – nicht recherchiert worden sind. Weil man einfach zu sehr mit dem Projekt verbandelt war...

Und es anfangs als "Geschenk" an die fleißigen Schwaben verstanden hat?

Ja! Der Schwabe steht ja angeblich für Fortschritt, für Zukunft, für Technikbegeisterung. Und das entzaubert sich immer mehr, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, weil immer klarer wird, dass dieses angeblich bestgeplante Projekt Europas Murks ist. Das hat ja die Schlichtung durch Geißler immer wieder dokumentiert, dass da große Fehler gemacht worden sind.

Wo steht der lokale Journalismus heute in zwei Jahren?

Also ich hoffe, dass wir bis dahin alle klüger geworden sind. Dass die Journalisten die Bedürfnisse und Interessen ihrer Leser ernster nehmen; dass sie wirklich die Nähe zu denen suchen, weil das wohl in der Tat das entscheidende Versäumnis war: nicht zu wissen, was die (Leser, Anm. CR) eigentlich wollen. Deshalb war die Überraschung groß, nicht nur bei der Politik, sondern auch in den Medien. Also, eine Rückbesinnung auf den Konsumenten wäre nicht schlecht.

Und wie geht es mit Stuttgart weiter?

Welches Ergebnis auch immer die Schlichtung bewirkt: Dieser Protest wird zwar weniger werden, aber er wird nicht sterben. Weil eben über dieses Bahnhofsprojekt ganz viel entstanden ist, was weit über das Bahnhofsprojekt hinausgeht: politisches Bewusstsein und politischer Protest. Der wird noch eine ganze Weile weitergehen. Und darüber muss man dann halt berichten, ganz einfach.

Sind Sie dann auch am 11.12. bei der nationalen Demonstration gegen S 21 mit dabei?

Ja, klar! Das ist ein Tag vor meinem Kurzurlaub – also werde ich da noch dabei sein.

 

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