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Artikel zum MainzerMedienDisput (MMD) 2010

Islamophobie in Deutschland: Haben die Medien versagt?

von Selina Bölle

Unter dieser Überschrift fand die interessante Podiumsdiskussion im Rahmen des Mainzer Mediendisputs 2010 statt. Mit dem Wort Islamophobie kann nicht jeder etwas anfangen. Phobie steht eigentlich für Angst zum Beispiel vor engen Räumen, Höhe oder Spinnen. Aber eine Phobie vor dem Islam, einer Religion? Dieses Klima der Angst ist in Deutschland im Jahr 2010 regelrecht greifbar geworden. Doch es geht nicht nur um die Angst vor Agression, die mit dem Islam in Verbindung gebracht wird. Eher spürt man sie in den Äußerungen vieler Menschen. Man könnte das vorherrschende Klima als ein diffuses Unbehagen gegenüber dem Islam und den Muslimen beschreiben. Auch in den Medien ist der Islam aktuell ein sehr wichtiges Thema. Auf der Podiumsdiskussion des Mainzer Mediendisputs sollte nun geklärt werden, inwieweit Islamophobie in Deutschland vorhanden ist, und wie die Öffentlichkeit und vor allem die Medien damit umgingen und umgehen. Verwunderlich war jedoch, dass ein Vertreter des Islam in der Diskussionsrunde fehlte, was auch zu der Frage führte, warum so selten Bürger mit muslimischem Migrationshintergrund in politischen Diskussionsrunden zu sehen sind. Auf die Frage, warum immer nur alle über den Islam und die Angst vor ihm reden, nie aber ein Vertreter desselben eingeladen wird, um seinen Standpunkt deutlich zu machen, wussten auch die Teilnehmer dieser Podiumsdiskussion keine zufriedenstellende Antwort. Die Debatte führte zum derzeit unvermeidlichen Thema in diesem Zusammenhang, wenn nach Medienversagen in Bezug auf Islamophobie gefragt wird:

Es ging schon nach kurzer Zeit primär um Thilo Sarrazin, der mit seinem Buch zum einen für Medienversagen sorgte, und der zum anderen diese Angst wie kein anderer schürte.

Integrationsverweigerung, Deutschfeindlichkeit, Parallelgesellschaft, Bildungsverweigerung, Fundamentalismus, Zuwanderungsstopp! Schlagworte, die einschlugen. Sie bestimmten und bestimmen wie kein anderes Thema in der aktuellen Integrationsdebatte den medialen Alltag. Natürlich kennen wir diese Diskussion nicht erst seit seinem berühmt berüchtigten Buch "Deutschland schafft sich ab", aber er hat es geschafft, dieses schwierige Thema zum Thema Nummer 1 zu machen, das nicht nur in Deutschland wochenlang für heiße Diskussionen und viele Schlagzeilen sorgte. Jetzt kam die Podiumsdebatte auf das Problem "Medienversagen" zu sprechen und rekonstruierte nochmals die komplexe Situation, in der sich die deutschen Medien im Umgang mit diesem Buch und seinem Autor befanden.

Sarrazin ist bereits vor dem Erscheinen seines Buches in allen politischen Talkshows zu sehen und badet geradezu in der medialen Aufmerksamkeit. Doch warum ist es so interessant für Zuschauer und Leser, wenn jemand ein Buch schreibt, das vielleicht im Kern logische Ansätze hat, in seinen Ausführungen aber doch nichts weiter als polarisieren will? Warum zerbrechen sich Journalisten der renommiertesten Zeitungen den Kopf über die beste Schlagzeile, den reißerischsten Artikel? Sein Rezept, mit dem er die Medien um den Finger wickelt, ist eigentlich sehr simpel. Natürlich ist das Thema Minderheiten immer ein sogenanntes "Aufregerthema" und die anwesenden Journalisten verteidigen sich zu Recht: Sie müssen darauf reagieren. Trotzdem wurden solche Bücher schon häufig veröffentlicht und traten nicht annähernd solch eine Lawine los.

Herr Sarrazin hat das Ganze jedoch gekonnt gewürzt. Zunächst werden Vorurteile, sowohl über Muslime als auch über Juden, die zweifelsohne in der Gesellschaft vorhanden sind, essentialistisch dargestellt. Sein Buch ist gespickt mit provokanten Formulierungen.

Hinzu kommt, dass Herr Sarrazin ein Paradebeispiel für ein personalisiertes Auflagengoldstück ist. Wir lieben Themen, die auf eine Person zurückzuführen sind UND eine Story bieten. Bei dieser Debatte geht es nicht nur um Inhalte, sondern vielmehr darum, wer sie gesagt hat und wie sie gesagt wurden: ein SPD -Parteimitglied, das sehr rechte Thesen äußert und zudem noch Bundesbankvorstand ist; ein Skandal, auf den sich alle stürzten, weil Menschen Skandale lieben; insbesondere die Medien, denn Skandale bringen Auflage bzw. Quote. Doch was hier passiert, ist eine geradezu peinliche Huldigung eines Autors, der sich in dieser Rolle gefällt und seine Gedanken bereitwillig wieder und wieder ausführt. Und das Publikum hängt an seinen Lippen! Wo Sarrazin auch hinkommt, Scharen von Journalisten, Kameras und Mikrofonen. Der Reaktionen konnte er sich sicher sein. Egal, ob Sympathien nach dem Motto: "Endlich spricht es mal jemand aus!" oder Antipathien: "Wie kann man nur so etwas schreiben!", die Gier der Leser und Zuschauer ist ihm gewiss. Doch das ist nur ein Teil seiner Strategie. Seine PR- Kampagne, mit der er die Massenmedien um den Finger wickelt, ist filmreif. Um seinen Thesen die nötige Aufmerksamkeit zu beschaffen und die gewünschte allgemeine Erregung und Entrüstung zu provozieren, hat er sich mit der BILD-Zeitung die beste Partnerin für seine Strategie an die Seite geholt. Die auflagenstarke Boulevardzeitung macht noch vor der Veröffentlichung des Buches mit der Schlagzeile auf: "Deutschland wird immer ärmer und dümmer!" und verspricht, ab sofort in einer großen Analyse, Auszüge aus Sarrazins‘ Buch zu veröffentlichen. Sein zweiter wichtiger Partner ist der "Spiegel". Auch dieses Blatt, das für Qualitätsjournalismus steht, hat sich, trotz langwieriger Überlegungen und Diskussionen, wie der Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron versichert, darauf eingelassen, die provokativen Thesen in einem Vorabdruck zu veröffentlichen. Gleichzeitig verteidigt er sich: "Um Debatten einzuleiten, müssen wir auch Beiträge drucken, mit deren Aussagen wir nicht einverstanden sind."

Damit hat Sarrazin erreicht, dass Ausschnitte seines Buches an prominentester Stelle platziert werden. Mit der BILD-Zeitung und dem "Spiegel" ist der Weg geebnet, um die gewünschte mediale Hysterie auszulösen. Keine Zeitung, kein Radio oder TV-Sender kann das Thema jetzt noch ignorieren. Das bestätigt auch der Journalist der Sueddeutschen Zeitung Michael Drobinski im Gespräch nach der Debatte: "Bei so einem Thema mit dieser Aktualität können wir gar nicht anders, als darüber zu berichten." Er geht sogar so weit zu fragen, ob die Medien vielleicht wirklich mehr dazu da seien, über Negatives zu berichten und begründet es damit, dass es schlicht niemanden interessiere, ob irgendwo Menschen zufrieden und glücklich zusammenleben. In wiefern das zutrifft, sei dahingestellt. Im Fall Thilo Sarrazin jedenfalls verrennen sich die Medien in eine Hysterie. Es liegt vor allem daran, dass sie der Bild-Zeitung und dem "Spiegel" natürlich in nichts nachstehen wollen. Der Wettkampf der Medien beginnt! Talkrunden, bevor Journalisten und Politiker das Buch überhaupt gelesen haben. Was für ein Paradebeispiel dafür, wie es nicht sein sollte.

Was haben die Medien damit bewirkt? Führen die nicht enden wollenden Artikel, Talk-Shows und Blogs wirklich zu einer Intensivierung der Integrationsbemühungen? Nein! Vielmehr vergiften sie das Zusammenleben der Gesellschaft, was wiederum als Beweis für Sarrazins’ Theorie gedeutet werden könnte. Die Medien in der Gewalt eines Autors und seiner Thesen, obwohl sie als so genannte vierte Gewalt eigentlich das Gegenteil sein sollten. Unabhängig von Auflage und Quote ist es ihr Auftrag, zum Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung beizutragen. Diesen Grundsatz vergessen wohl viele, wenn es darum geht, die Integrationsdebatte zu kommentieren. Aber gerade aus dieser Erfahrung sollen und müssen die Medien lernen. Deshalb ist es gut und wichtig, Veranstaltungen wie den Mainzer Medien Disput zu haben. Er stellt einen offenen Ort für Selbstkritik dar. Dadurch, und indem man aus dieser Debatte die richtigen Schlüsse zieht, um es beim nächsten Mal besser zu machen, kann sich etwas verändern in der deutschen Medienlandschaft.

 

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