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Artikel zum MainzerMedienDisput (MMD) 2010

Zwischen Aufbruch und Untergang

von Nina Schwarz

Auf dem Podium hatten sie sich versammelt; zu ihren Füßen lauschte ihresgleichen. Beim 15. Mainzer Mediendisput diskutierten Medienmacher mit Rang und Namen über ihre Zukunft. Sie stritten, als ginge es um das nackte Überleben. Die Evolution der Kommunikationsmedien und in herausragender Weise das Web 2.0 schien eine Aussterbensangst unter einem Teil der Journalisten ausgelöst zu haben. Denn die interaktive Kommunikationsplattform Internet verhilft deren Nutzern, Meinungen mit großem Wirkungsradius zu vertreten. Gleichzeitig nimmt es den klassischen medialen Akteuren aber ihr basales Lebensmittel: die Aufmerksamkeit. Diese zu erobern, geling nur den Anpassungsfähigen, die gemäß des Evolutionsprozesses neue Funktionen ausbilden und andere ablegen.

Wie der Journalistenberuf sich der Zeit und der technischen Möglichkeiten gemäß entwickeln könnte, erörterten im Zwiegespräch der Heddesheimer Blogger Hardy Prothmann und Werner Kaltefleiter, pensionierter TV- Reporter und Autor. Ausgesorgt hat laut Hardy Prothmann zuvorderst die unkritische Berichterstattung. Wegen der "Hurraberichterstattung" von Lokalzeitungen legte er selbst die Tätigkeit als Redakteur ad acta. Dass Lokaljournalisten ganz konform mit den lokalen Akteuren während einer Unternehmensansiedelung Berichterstattung geleistet hatten, hatte Prothmann dazu gebracht, seinen ersten regionalen Blog aufzumachen. Für Ingredienzien eines Erfolgsrezeptes hält Prothmann die Augenhöhe mit Mitbürgern und am Puls der Zeit zu sein. Nur wer gegen den Strom schwimme, erlange am Besten die Aufmerksamkeit auch von Medienzappern. Die Beteiligung am Austausch im Internet sei mittlerweile rege. Nun hat Prothmann sechs ähnliche aufs Lokale bezogene Blogs, sowie das Ziel, diese zu einem Regionalen zu vereinen. Kritisches Informieren zählt für den studierten Politologen zu den obersten Tugenden. Zum prothmannschen investigativem Journalismus gehört es daher, seiner Meinung freien Lauf zu lassen. Damit machte er sich Freunde genau wie Feinde, die ihre Meinung auf dem von Prothmann geschaffenem Portal sogleich austauschen können. Sollten sich dann im Diskurs gemeinsame Interessen herausbilden, könnte Prothmanns Blog grundsätzlich Bürger miteinander verbinden.

Das ist ein großer Pluspunkt des Internet- Formates. In einem Blog kann außerdem potenziell jeder "ein bisschen Journalist" sein. Dieser positive Aspekt bietet gleichzeitig aber auch den Nährboden für die Pessimisten des Mainzer Mediendisputs: Für private Boulevardberichterstattung im Internet werden nicht mal Journalisten gebraucht. So verstärkt sich die Endzeitstimmung auf dem Mainzer Mediendisput unter einem Teil der Anwesenden. Optimistische Kollegen dagegen meinten, dass sich die Medienwelt weiter im gewohnten Takt der tagestäglichen Zeitungen drehe. Ursache dafür sei, dass Printmedien Orientierung bieten, weil in ihnen im Idealfall eine begründete Auswahl der relevantesten weltweiten und lokalen Ereignisse im Überblick dargestellt wird. Dieser Auffassung folgend, bezeichnete Werner Kaltefleiter Journalisten als "Dienstleiter des Volkes". Deren originäre Aufgabe bestünde darin, Menschen ausgewogen und umfassend zu informieren. Der langjährige Politikredakteur und Reporter aus dem Hause ZDF war aus Berufung Journalist geworden. In den Mittelpunkt seiner TV- Reportagen hatte er Mensch und Ethik gestellt. "Heute", so kritisierte Kaltefleiter, "spart man sich kritische Reflektionen aus". Statt dass Zeitungsredaktionen gut recherchierte Hintergrundberichte zu Ereignissen lieferten, die im Sinne des "online first" auf der Website zeitnah veröffentlicht werden, berichte man in Tageszeitungen übereilt einseitiges. Den Bau einer Schule zu lobpreisen, aber zu verschweigen, dass keinerlei Transportmittel zu ihr führen, das sei eben nur die halbe Wahrheit. "Dabei birgt das Internet Chancen: Qualitätsjournalismus ist gerade durch das Internet möglich". Es bringe nicht nur Konkurrenz- und Zeitdruck, sondern biete auch die Möglichkeit, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt sofort zu prüfen. "Crosscheck"- so heiße das Mittel, das zur gegenseitigen Kontrolle der Journalisten genutzt werden kann.

Das Fazit: Statt Bedrohung birgt das Internet Potenziale zur Überlebenssicherung. Nun muss auf diese Einsicht das Bemühen um Zeit und Mittel zur Veränderung folgen. So können Journalisten der neuen Informationsflut in den Redaktionen Herr werden und neue Wege gehen, um unverzichtbare journalistische Dienstleistung für Menschen zu erbringen.

 

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Das einjährige Weiterbildungs-studium "Nachhaltigkeit und Journalismus" bietet berufstätigen Medienmachern und Absolventen an der Universität Lüneburg ab Oktober 2012 die Chance, ihr Sachwissen in den Feldern Umwelt und Nachhaltigkeit zu vertiefen. Und mit Journalisten die Vermittlung grüner Themen zu üben.
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