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Hospitanzprogramm Deutscher Bundestag 2011

Hospitanten im Gespräch mit Ulrich Deppendorf, Studioleiter und Chefredakteur Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio

"Aus nächster Nähe"

Ulrich Deppendorf über das Zusammenspiel von Politikern und Hauptstadtjournalisten

ARD-Hauptstadtstudio

Bis 2015 darf er noch bleiben. Dann muss auch Ulrich Deppendorf gemäß dem Rotationsprinzip das Hauptstadtstudio der ARD wieder verlassen. „Diese Regelung gilt auch für den Chefredakteur“, sagt der 61-jährige Deppendorf. Maximal sieben Jahre darf ein Korrespondent in Berlin arbeiten, danach muss er seinen Platz räumen. „So wird der Abstand zwischen Politik und Medien gewahrt und mehr Journalisten bekommen die Möglichkeit in Berlin zu arbeiten.“ Dass vertraute Netzwerke und Informanten dabei wegbrechen, kann auch er nicht von der Hand weisen. Die Nähe in der Hauptstadt – ob räumlich oder privat – bietet gewiss viele Vor- aber auch Nachteile, die in unserem Gespräch noch des Öfteren thematisiert wurden.

Das Hauptstadtstudio der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten befindet sich direkt gegenüber dem Jakob-Kaiser-Haus. Wir werden in eines der beiden TV-Studios in die 4. Etage geführt. Vor ein paar Stunden stand an diesem Platz Frank-Walter Steinmeier und gab ein Statement zur Finanzkrise. Durch das Panoramafenster hinter dem Stehpult fällt der Blick auf die Spree, die Reichstagskuppel, schließlich auf Steinmeiers Bürogebäude, in das er nach zweieinhalb Minuten Sendezeit auch wieder verschwunden ist. Nur ein Gang über die Straße. Das spart Zeit. „Räumlich könnten wir nicht näher am Geschehen sein. Das ist schon ein Vorteil.“

Ein Vorteil, den der Chefredakteur gern zur Mittagszeit nutzt, um in der Kantine des Bundestags seine Mahlzeit einzunehmen. Er geht fast täglich dorthin. Beschafft er sich etwa zwischen Rosenkohl und Rouladen die nötigen Hintergrundinformationen? „Nein, das ist nicht der Grund. Solche Gespräche finden nicht in der Kantine statt“, versichert Deppendorf. Offen gibt er zu: „Da gehe ich nur hin, weil es billig ist.“ Für diese Ehrlichkeit bekommt er von uns zunächst Gelächter, stößt bei den meisten aber auf Verständnis.

Die Nähe lässt uns immer noch nicht los. Wir fragen weiter. Ob es nicht hemmt, Kritik an den Politikern zu üben, wenn man weiß, dass man sich jederzeit auf der Straße über den Weg laufen könnte – spätestens aber auf der nächsten Pressekonferenz. Er habe damit kein Problem. „Bei mir ruft keiner an, wenn ich einen scharfen Kommentar gesprochen habe.“ Dennoch ist es dem ersten deutschen Fernsehen lieber, die Journalisten nach ein paar Jahren auszutauschen. 70 Korrespondenten arbeiten zurzeit für die ARD in Berlin. 40 von ihnen für den Hörfunk, 20 für das Fernsehen und jeweils fünf in den Bereichen Online und Regional.

Ein Studio ist permanent sendebereit. „Das ist ein Vorteil, wenn plötzlich etwas unvorhergesehenes passiert“, sagt Deppendorf. Als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler um 14 Uhr seinen Rücktritt verkündete, war Deppendorf bereits um 14.02 Uhr auf Sendung. „Wir können ungemein schnell reagieren.“

Täglich findet um 12.15 Uhr eine Konferenz statt. Um 14 Uhr gibt es eine Telefonschalte der Chefredakteure. „Hier besprechen wir das Programm für den heutigen Tag und natürlich die Kritik für die Sendungen von gestern.“ Beispielsweise, dass ein jüngeres Publikum gewonnen werden soll. Deppendorf, der schon seit 35 Jahren als Journalist tätig ist, weiß: „Dafür brauchen wir mehr Grafik-Anteile in den Sendungen, mehr Live-Schalten, wir müssen Politik eben mit einfachen Worten erklären.“ Gleichwohl solle die Qualität gewahrt bleiben. „Wir können uns nicht dahinsetzen und sagen ‚Hallöchen! Hier ist die Tagesschau. War heute wieder `nen geiler Tag!‘“ Wir lachen. „Seht ihr“, so Deppendorf „das ist unglaubwürdig und kommt nicht gut an!“ Die Moderatoren arbeiten deshalb erst einmal weiter mit dem Touchscreen und wollen die jungen Leute im Internet erreichen.

„In meinem Beruf gibt es viele Überraschungen“, sagt der TV-Journalist. „Vieles ist nicht planbar.“ Gerade das macht für ihn den Reiz aus. Unsere 60 Minuten sind vorbei, schnell noch ein Gruppenfoto, dann ist er auch schon wieder verschwunden. Er muss sich noch vorbereiten. In drei Tagen ist die Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus, in sieben Tagen kommt der Papst zu Besuch. Urlaub hat Deppendorf nach eigener Aussage nicht mehr. Die Berliner Politik lässt ihn nicht los. Er sucht die Nähe. Selbst dann, wenn er tausend Kilometer entfernt am Strand liegt.

Von Ann-Christin Wehmeyer

 

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